Was ist Faktenresistenz? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist Faktenresistenz, Bedeutung, Definition, Erklärung


Faktenresistenz ist das Phänomen, dass Menschen erwiesene Fakten ignorieren. Indem sie diese ausblenden, glauben sie unter anderem an Verschwörungstheorien oder leugnen den Klimawandel bzw. – ganz aktuell (2020) – die Gefahr durch Corona. Davon sind auch durchaus sehr gebildete und intelligente Personen betroffen.

Was ist Faktenresistenz? Bedeutung, Definition, Erklärung

Psychologen erklären sie damit, dass viele Menschen weniger die Wahrheit hören, sondern eher sich ihrer Identität versichern möchten. Diesen Schluss lassen jedenfalls sozialpsychologische Studien zu. Mit deren Ergebnissen befasst sich beispielsweise die jährliche Konferenz der „Society for Personality-and Social Psychology“. Die dort versammelten Fachleute konstatieren zum Thema Faktenresistenz immer wieder, dass viele Menschen Fakten regelrecht meiden, um ihre eigenen Überzeugungen zu schützen. Diese Überzeugungen können religiöser, politischer und ganz persönlicher Natur sein. Fakten werden daher nur selektiv wahrgenommen: Menschen wählen diejenigen Fakten aus, die in ihr Weltbild passen, während sie die nicht passenden Fakten ausblenden. Das ist dann die Faktenresistenz. Der gesamte psychologische Vorgang heißt Bestätigungstendenz (engl. confirmation bias), er wird seit den 1960er-Jahren erforscht. Die Bestätigungstendenz führt dazu, dass Informationen so interpretiert werden, dass sie zum eigenen Weltbild passen. Dieser Vorgang verläuft überwiegend unbewusst.

Ist den Betroffenen ihre Faktenresistenz bewusst?

Nein. Sie halten die Andersdenkenden für faktenresistent und sich selbst für „neutral informiert“. Damit leben sie in einer durch sie selbst (oder ihre gleichgesinnte Community) konstruierten Filterblase, was sie objektiv nicht bemerken. Wiederum ist ein einfacher psychologischer Mechanismus dafür zuständig: Menschen müssen über die sie umgebende Welt Hypothesen aufstellen, sonst kämen sie bei all den objektiv vorhandenen Unsicherheiten nicht mehr zurecht. Um nun mit den entworfenen Hypothesen als Arbeitsgrundlage operieren zu können, ziehen sie die passenden Fakten als Hilfestellung heran und blenden die unpassenden Fakten aus. Das ist leichter und damit psychologisch effizienter als das ständige Verwerfen und Neuentwickeln von Hypothesen.

Wann wird Faktenresistenz gefährlich?

Wenn eine Person prinzipiell zum Starrsinn neigt, wird sie ihre Hypothesen von vornherein sehr stark an den eigenen Überzeugungen ausrichten. Das ist komfortabel, während eine Falsifizierung wegen neuer Fakten die gewohnte Welt zusammenbrechen lassen könnte. Im Alltag kann das dennoch harmlos bleiben. Gefährlich wird es, wenn die betreffende Person beispielsweise zu den Impfgegnern gehört und daher sich und ihren Kindern eine vielleicht dringend notwendige Impfung verweigert. Eine andere Gefahr ergibt sich, wenn die betreffende Person sehr viel Einfluss hat. Die Faktenresistenz des US-Präsidenten Donald Trump gegenüber den Daten, die den menschengemachten Klimawandel belegen, führte zum Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen. Seine Faktenresistenz gegen die Gefahren der Corona-Pandemie führte zur unzähligen Toten in den USA, weil er nicht schnell genug die Vorbereitung des US-Gesundheitssystems auf die Pandemie vorantrieb.

Faktenresistenz: Werte statt Zahlen

Die kognitive Tendenz zur Faktenleugnung lässt uns nach den Worten des US-Forschers Matthew Hornsey (University of Queensland) „wie ein Anwalt denken“. Das bedeutet: Sollten uns für zwei konträre Positionen gleich viele und gleich bedeutende Fakten zur Verfügung stehen, wählen wir diejenigen, die zu unserer Position passen. So würde auch ein Anwalt vor Gericht argumentieren. Das bedeutet auch, dass er seine Position beharrlich verteidigt, denn schließlich will er seinen Fall gewinnen. Daher nutzt es nichts, Klimaskeptiker, Impfgegner oder Corona-Leugner mit Fakten umstimmen zu wollen. Sie verteidigen ihre Position und damit ihre heiligen Werte. Daher werden sie zu unseren Fakten andere, gegensätzliche Fakten ins Feld führen.

Welchen evolutionären Vorteil hat die Faktenresistenz?

Es ist in der Tat die Frage, wieso unser Gehirn so ausgestattet ist, dass es einigermaßen sicher belegte Fakten leugnen kann. Der Psychologe Dan Kahan (Yale University) hat die These aufgestellt, dass dieser Mechanismus dem Schutz unserer Identität dient. Diese aber ist nach den Worten des Forschers das Kostbarste, das wir besitzen. Wir arbeiten lebenslänglich daran, was eine hohe psychische Leistung erfordert. Auch ganz real leisten wir für unsere Identität. Stellen wir uns eine Person vor, die in Armut aufgewachsen ist und diese im Verlaufe ihres Lebens durch harte Arbeit überwinden konnte. Die Person wurde in den 1960er-Jahren geboren und war um das Jahr 2000 herum in der Lage, sich Luxusautos zu gönnen. Diese bestätigten ihr ihre neue, hart erworbene Identität: Sie gehört nun zur gut verdienenden Mittelschicht und hat das Stigma der Armut überwunden. Kurz darauf traten massiv die Klimaschützer auf den Plan, sodass unsere Person ab dem Jahr 2019 wegen ihrer jüngsten Errungenschaft, einem stark motorisierten SUV, massiv und mit Verweis auf den Klimawandel angefeindet wurde. Was bleibt ihr übrig, als sich in die Faktenresistenz zu flüchten? Ansonsten wäre ja der eigene Lebensweg ein grandioser Irrtum! Also leugnet diese Person den Klimawandel und fährt weiter trotzig den SUV, der im Drittelmix 15 l/100 km verbraucht.

Faktenresistenz und Bildung

Wie eingangs schon erwähnt schützen Bildung und Intelligenz keinesfalls vor Faktenresistenz. Im Gegenteil: Gerade intelligente und gebildete bzw. zur Bildung und Faktensammlung befähigte Menschen biegen sich die Fakten gern zurecht und tendieren daher bisweilen sehr stark zur Faktenresistenz. Der US-amerikanische Pandemie-Berater Anthony Fauci kann seit dem Jahr 2020 ein Lied davon singen: Sein Präsident Donald Trump und etliche Corona-Leugner in der US-Bevölkerung machen ihm das Leben wahrhaft schwer. Den betreffenden Bevölkerungsgruppen attestiert der international anerkannte Experte Fauci eine „wissenschaftsfeindliche Voreingenommenheit“, ihre Vorurteile nennt er „schier unfassbar“. Sozialforscher und Psychologen wiederum sind über Faucis Entsetzen erstaunt, denn schon länger gibt es die „Anti-Wissenschafts-Voreingenommenheit“ als etabliertes Forschungsgebiet. Dieses untersucht Phänomene wie

  • die Leugnung des Klimawandels,
  • die Verteufelung von Impfstoffen,
  • die Diskussionen zu chloriertem oder fluoridiertem Trinkwasser,
  • die Verharmlosung der Gentechnik und neuerdings
  • die Leugnung der Corona-Gefahren.

Erwiesen ist, dass sich Faktenresistenz umso stärker etablieren kann, je mehr handfeste Fakten eine Ideologie bedrohen. Dann setzt das „Motivated Reasoning“ ein, also das motivierte Denken, das Denkprozesse unbewusst in die ideologisch erwünschte Richtung lenkt. Paradoxerweise funktioniert dieser Mechanismus mit steigender Bildung der betreffenden Personen immer zuverlässiger, wie eine Metastudie des Jahres 2015 belegte. Daher ist Faktenresistenz mit Faktenargumenten keinesfalls aus der Welt zu schaffen.

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