Warum werden Auto-Prototypen „Erlkönig“ genannt? Erklärung, Bedeutung

Warum werden Auto-Prototypen Erlkönig genannt, Erklärung, Bedeutung


Wenn Automobilhersteller einen neuen Prototypen testen, verpassen sie ihm als sogenanntem „Erlkönig“ eine Folie mit einem Tarnmuster. Dieses verbirgt nicht nur die Farbe, sondern verschleiert auch die tatsächliche Form. Vor allem kleinere Details des Designs, auf die es bei einer Neuentwicklung ankommt, sind durch die optische Täuschung nicht mehr zu identifizieren. Damit schützen sich die Entwickler vor der Veröffentlichung durch Journalisten, die regelmäßig mit der Kamera auf Jagd nach Schnappschüssen sind. Sie würden gern von den Innovationen berichten, bevor sie der Hersteller offiziell vorstellt.

Natürlich schafft es immer wieder ein Fotoreporter, so ein „Erlkönig“-Auto abzulichten. Doch als Meister der Tarnung bewahren die Prototypen in der Regel ihr Geheimnis trotz Foto. Die Berichterstattung kann daher nur spekulieren, wie das Fahrzeug in Wahrheit aussieht.

Warum werden Auto-Prototypen „Erlkönig“ genannt? Erklärung, Bedeutung

Die Idee der Tarnung mit einem Dazzle-Muster (to dazzle = blenden) ist inzwischen über 100 Jahre alt. Sie stammt aus dem Ersten Weltkrieg. Damals wurde Norman Wilkinson, ein britischer Künstler, zur Marine eingezogen. Auf dem Kriegsschiff machte er sich Sorgen, dass dieses vom Gegner aufgespürt und versenkt werden könnte. Also überlegte er sich im Jahr 1918 ein Tarnmuster für das Schiff, das dieses vor gegnerischen Angriffen schützen und damit ihn und seine Kameraden retten sollte. Seine Idee nahm die Marineführung auf, sie ließ die Schiffe tatsächlich so anstreichen. Wilkinsons Muster bestand aus einem Wechsel von größeren schwarzen und weißen Rhomben. Es erschwerte in der Tat die optische Identifzierung des Schiffes aus der Ferne, konnte aber natürlich nicht das Schiff komplett verstecken. Doch es täuschte zumindest die Gegner über dessen Größe, die genauen Aufbauten (welche die Bewaffnung verraten konnten) und die Fahrtrichtung.

Offenkundig fühlten sich die britischen Seeleute durchaus sicherer durch diese Tarnung. Bis zum Kriegsende, das ja 1918 immerhin kurz bevorstand, wurden noch über 4.000 auf diese Weise getarnt Schiffe in den Einsatz geschickt. Man feierte Wilkinson dafür, obwohl ein echter Beweis für den Vorteil des Dazzle-Musters nie erbracht werden konnte. Das Prinzip dieser Tarnung wurde für die Erlkönige der Autoindustrie übernommen – und nicht nur für sie.

Woher stammt nun der Name „Erlkönig“ für die Prototypen / Testfahrzeuge?

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die deutsche Autoindustrie aufblühte, veröffentlichten ab den 1950er-Jahren die beiden Autojournalisten Werner Oswald und Heinz-Ulrich Wieselmann ungefragt Schnappschüsse von Testfahrzeugen im schon damals renommierten Fachmagazin „auto, motor, sport“. Das galt nicht nur als Sensation für das Publikum, sondern auch als Affront gegen die Fahrzeugentwickler. Immerhin konnte nicht nur ein Riesenpublikum, sondern auch die Konkurrenz schon vor der offiziellen Vorstellung eines neuen Wagens sehen, welche Entwicklungen der Hersteller in der Pipeline hat.

Die Rubrik mit den Fotos der bisher unveröffentlichten Fahrzeuge nannten die beiden Journalisten „Erlkönig“. Das war natürlich eine Anspielung auf Goethes gleichnamige Ballade, deren erste Zeile vom „Reiten durch Nacht und Wind“ durch die Reporter zum „Fahren durch Regen und Wind“ umgedichtet wurde – in Anspielung auf die heimliche Erprobung der Testwagen. Mit diesem Sprachwitz hatte sich der Begriff „Erlkönig“ als Synonym für die Erprobungsfahrzeuge etabliert. Die Hersteller wiederum tarnten alsbald ihre „Erlkönige“ mit einem Dazzle-Muster, um den Journalisten keine Vorlage des wirklichen Fahrzeugs zu präsentieren und ihre Konkurrenz eher zu irritieren.

Die Testfahrten führen sie bis heute eher an geheimen Orten durch, die Aktion wird stets so gut wie möglich verschleiert. Dennoch gelingen den Reportern immer wieder Schnappschüsse, weil sie sehr eifrig den Entwicklungen nachrecherchieren (und möglicherweise Insiderinformationen zu den Testfahrten bekommen?). Jedoch dringt durch die Tarnung der Erlkönige relativ wenig zum neuen Design und der Technik nach außen.

Wie sehen Dazzle-Muster heute aus?

In den Anfangsjahren der Erlkönige hatte die Automobilindustrie noch das Dazzle-Muster von Wilkinson (die schwarz-weißen Rhomben) für die Tarnung übernommen. Inzwischen gibt es typischerweise für die Erlkönige Dazzle-Muster in allen erdenklichen Facetten, so hieroglyphenähnlich, als schwarz-weiße Halbkreise oder Würmer, als Wechsel zwischen kantigen und runden Formen und in vielen weiteren Ausführungen. Die Muster werden auch immer wieder neu erfunden. Das hat zwei Gründe:

  • #1: Bis heute ist unklar, was ein Dazzle-Muster wirklich verbergen kann. Es basiert auf dem Prinzip der optischen Täuschung, doch dieses ist nicht vollständig erforscht. Also probieren die Autohersteller immer neue Muster aus.
  • #2: Es gibt inzwischen immer mehr heimliche Fotos von Erlkönigen, die auch von Smartphonekameras mit ultrahoher Auflösung stammen. Man fragt sich, wer sie produziert und möglicherweise gegen Bezahlung an die Zeitungsredaktionen weitergibt. Einige Hersteller verdächtigen sogar Mitarbeiter der Testmannschaften.

Wie dem auch sei: Die Hersteller entwickeln immer wieder neue und immer ausgefeiltere Tarnfolien, um ihre Erlkönige vor der verfrühten Veröffentlichung zu schützen.

Wo kommen Dazzle-Muster noch zum Einsatz?

Es gibt noch zwei wesentliche Einsatzgebiete für diese Tarnung. Das erste entspricht dem der Autoindustrie: Auch andere Produkthersteller tarnen Prototypen mit solchen Mustern, um deren Design vor der verfrühten Enttarnung zu schützen. Das ist in wirtschaftlicher Hinsicht durchaus bedeutsam. Jedes Produkt mit einem innovativen, bahnbrechenden Design wird für einige Zeit deutlich besser verkauft, bis schließlich die Konkurrenz die Idee kopiert oder eine noch bessere Idee hat. So testen heute unter anderem Modeschöpfer neue Kollektionen mit einem Dazzle-Muster. Ein anderes Einsatzgebiet hat mit Wirtschaft rein gar nichts zu tun: Surfer verwenden Surfboards und Neoprenanzüge mit Dazzle-Muster (oft in der Art der schwarz-weißen Rhomben von Wilkinson), um sich vor Angriffen von Haien zu schützen.

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