Was ist ein Geldstreik? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist ein Geldstreik, Bedeutung, Definition, Erklärung


Bei einem Geldstreik verzichten Einzelpersonen und gelegentlich auch Personengruppen komplett auf Geld. Sie gestalten ihr Leben durch natürliche Selbstversorgung beispielsweise in einem Waldhaus und/oder durch Tauschhandel. Getauscht werden Produkte und Dienstleistungen, oft auch beides untereinander. Dabei liefern die Geldstreikenden eher die Dienstleistungen und beziehen damit Produkte. Teilweise nutzen sie öffentliche Dienstleistungen wie den ÖPNV auf bekennend illegale Weise, was erstaunlich häufig toleriert wird.

Welche Motivation steht hinter einem Geldstreik?

Eine gängige Motivation ist die inzwischen weit verbreitete und auch akzeptierte Konsumkritik, eine andere der Wunsch, den Zwängen unseres ökonomischen Systems zu entfliehen. Diese Motivation ist nachvollziehbar, denn unsere privaten Beziehungen sind in weiten Teilen ökonomisch determiniert, auch wenn wir das nicht immer auf den ersten Blick durchschauen. In der Tat berichten Geldstreikende davon, dass sie sich privat völlig neu aufgestellt haben und sehr viel wertvollere Beziehungen eingehen konnten. Allerdings ist der Preis dafür die Mühsal eines Lebens ohne Geld.

Funktioniert der Geldstreik dauerhaft?

Offenkundig: ja. Es gibt etliche Beispiele von Personen, die schon über Jahre und Jahrzehnte komplett ohne Geld existieren.

Um das System und die Motivation zu verstehen, ist es nützlich, einige prominente Beispiele von Geldstreikenden zu nennen.

Beispiele für Geldstreikende

  • Heidemarie Schwermer: Die Akademikerin veröffentlichte Ende der 1990er-Jahre ihr Buch „Das Sterntalerexperiment“. Darin beschreibt sie, wie sie zu einem Leben ohne Geld fand. Zu diesem Zeitpunkt lebte sie schon ohne Geld, wobei der Weg dorthin mit Übergängen verlief. Sie verzichtete immer mehr auf Geld, bis sie es nicht mehr benötigte. Frau Schwermer wohnt unter anderem in Häusern, deren Eigentümer verreist sind. Währenddessen pflegt sie Haus und Garten. Manchmal versorgt sie mit Haushaltsdienstleistungen eine Familie für Kost und Logis. Darüber hinaus lebt sie von Tauschgeschäften. Sie beschreibt ihr Leben als bunt und abenteuerlich. Der Verzicht auf Geld erzwingt von ihr Toleranz und Geduld, schafft aber auch einen deutlichen Zugewinn an Wachsein, Intensität und wertvollen Beziehungen. Schwermer ist Gründerin der Gib-und-nimm-Bewegung.
  • Pavlik, elf: Der polnische Computerfachmann lebt seit knapp einem Jahrzehnt ohne Geld, lässt sich geben, gibt selbst und fährt bisweilen im öffentlichen Nahverkehr mit einem umgehängten Schild, auf dem er erklärt, dass er wegen seines Geldstreiks ohne Ticket fährt. Die Kontrolleure tolerieren das erstaunlich oft. Er musste nur wenige Male aussteigen und sich bei der Polizei rechtfertigen. Seine Tauschgeschäfte wickelt elf Pavlik vorrangig online ab. Im Netz hat er auch einige Projekte wie Sharetribe, OuiShare und Moneyless World initiiert, mit denen er Nachahmer sucht. Pavlik ist der Auffassung, dass nicht Geld, sondern Netzwerke die Basis für unsere Existenz sind.
  • Öff Öff: Dieser Mann ist ein Aussteiger und Waldmensch, der 1991 die Schenker-Bewegung gründete. Hierfür betreibt er auch eine Webseite, die den Lebensentwurf als gegenseitiges Schenken und als Ressourcenschöpfung aus der Natur und aus Resten der Überflussgesellschaft beschreibt. Öff Öff hat gebenüber dem Arbeitsamt seinen bewussten Verzicht auf jegliche finanzielle Unterstützung, aber auch jegliche Jobvermittlung erklärt.
  • Raphael Fellmer entschloss sich nach 2010, ohne Geld zu leben. Er propagiert seinen Stil sehr offensiv und ist daher in Deutschland relativ prominent. Dass ein Geldstreik funktioniert, erkannt er auf einer fast einjährigen Reise durch Mexiko, die er fast ohne Geld durchführte. Fellmer engagiert sich für die Portale lebensmittelretten.de und foodsharing.de. Daneben bemüht er sich, weitere Plattformen und Kooperationen zu entwickeln, die das Geldsystem überflüssig machen sollen. Durch ein Tauschsystem will er es nicht ersetzen. Stattdessen soll der Konsum so weit reduziert werden, dass Geld keine Rolle mehr spielt.

Ist ein Geldstreik sinnvoll?

Als Statement gegen überflüssigen Konsum und für mehr Nachhaltigkeit: ja. Aus mikro- und makroökonomischer Sicht: nein. Waren und Dienstleistungen mit Geld zu bezahlen und für eigene Leistungen Geld zu erhalten, wobei man selbst einen ökonomischen und gesellschaftlichen Mehrwert schafft, ist effizient. Sonst hätte sich das Geldsystem nicht entwickelt. Die meisten Produkte und Leistungen müssen von Spezialisten mit komplexen Produktionsinstrumenten geschaffen werden. Ohne Geld kann das nicht funktionieren. Jedoch zeigt der Geldstreik auf, wie sehr wir möglicherweise Geld und Konsum überbewerten. Das sollte uns nachdenklich machen.

Autor: Pierre von BedeutungOnline

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