Was ist der Trickle Down Effekt? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist der Trickle Down Effekt, Bedeutung, Definition, Erklärung


Der Trickle-down-Effekt („Durchsickereffekt)“ besagt, dass wohlhabende Bevölkerungsschichten durch ihren Konsum und ihre wirtschaftlichen Investitionen ihren Reichtum nach unten an die mittleren und ärmeren Schichten durchreichen.

Als Trickle-down-Effekt wird dieses Phänomen aufgrund einer Metapher bezeichnet: Der US-Komiker Will Rogers verglich den Effekt mit dem von Pferdeäpfeln, die den Boden düngen und in denen sogar die Spatzen Nahrung finden. Daher gibt es auch die deutsche Bezeichnung als Pferdeapfel-Spatz-Theorie. Dieser Effekt ist umstritten.

Empirische Befunde scheinen nahezulegen, dass eine Einkommenskonzentration in wenigen Händen eher das gesamtwirtschaftliche Wachstum beeinträchtigt, während eine Einkommenssteigerung der untersten Bevölkerungsschichten, wie sie von eher linken Parteien zum Beispiel über einen höheren Mindestlohn gefordert wird, das BIP der Nation eher steigert.

Was ist der Trickle Down Effekt? Bedeutung, Definition, Erklärung

Erste Ansätze zu dieser Theorie finden sich schon in Werken des Ökonomen Adam Smith. Dieser postulierte im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, dass in gut geführten Staaten mit diverser Produktion ein universeller Reichtum entsteht, von dem letzten Endes auch niedrigste Bevölkerungsstände profitieren („Wohlstand der Nationen“).

Smith plädierte für eher freie Märkte mit der Möglichkeit, durch Unternehmertum sehr reich zu werden, und gleichzeitig für eine reduzierte staatliche Lenkung, weil dies den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand erhöhe. Diese Grundannahme vertreten heute hauptsächlich liberale Parteien. Die Vorstellung hielt sich und führte immer wieder zu Wirtschaftsreformen, die den Märkten ein deutlich freieres Spiel einräumten.

In den USA war in den 1920er-Jahren der Autounternehmer Henry Ford ein Vertreter dieser Theorie, der seinerseits in der Tat viele gut bezahlte Arbeitsplätze schuf. Allerdings setzte 1929 eine Weltwirtschaftskrise ein, für die Wirtschaftshistoriker gerade diesen sehr wirtschaftsliberalen Ansatz verantwortlich machen. Dennoch hielt er sich und fand in den USA zu neuer Blüte ab den 1980er-Jahren unter Ronald Reagan (sogenannte Reaganomics).

In Großbritannien regierte Margret Thatcher zur selben Zeit unter dieser Prämisse. Diese hat ein breites theoretisches Fundament. Neben Adam Smith vertraten unter anderem auch die Ökonomen J. A. Hobson ab 1889, Waddill Catchings und William Trufant Foster ab 1928 sowie John Maynard Keynes ab 1936 die These, dass Wirtschaftskrisen vorrangig durch einen Mangel an Nachfrage ausgelöst werden und dass Reichtum an der Spitze immer auch zu Wohlstand in der Gesamtgesellschaft führt, der wiederum die Binnennachfrage ankurbelt.

Es gab aber auch intellektuelle Gegenbewegungen spätestens ab den 1950er-Jahren, die genau das Gegenteil behaupten und ihren Ansatz dementsprechend als Trickle-up-Theorie bezeichnen. Sie plädieren zwar ebenso für einen freien Markt und eine dezentralisierte Wirtschaft, fordern aber eine Wohlstandsverteilung in die Hände breiter Bevölkerungsschichten, weil gerade dies die Nachfrage ankurbeln könne. Barack Obama griff dieses Konzept in seiner Regierungszeit von 2009 bis 2017 auf, Donald Trump wandte sich dagegen, Joe Biden versucht es wieder umzusetzen.

Anwendung der Trickle-down-Theorie in der Regierungszeit von Ronald Reagan

Die Reaganomics ab 1981 waren ein tiefster Ausdruck des Umsetzungsversuchs von Trickle-down-Effekten. Allerdings war der Begriff damals schon negativ besetzt, weshalb die Reagan-Regierung lieber von angebotsorientierter Wirtschaftspolitik sprach. Umgesetzt wird eine Trickle-down-Politik immer über Steuern. Sie sieht Steuersenkungen für hohe Einkommen vor, wie sie beispielsweise im Bundestagswahlkampf 2021 die deutsche CDU gefordert hat.

Während der Reagan-Regierung war der Ansatz ein Kern der gesamten Wirtschaftspolitik, der weltweit diskutiert wurde. Reagan konnte während seiner zwei Amtszeiten ein Gesamtwachstum des US-BIP um 31 % erreichen, mithin 3,875 % pro Jahr, was beachtlich ist. Flankiert wurde sein Steuersenkungsprogramm von staatlicher Deregulierung. Allerdings verweisen Experten darauf, dass es für einen Wirtschaftsaufschwung immer auch andere Gründe gibt, so etwa die Weltkonjunktur oder die Entwicklung von Rohstoffpreisen. Dennoch ist zu konstatieren, dass die US-Wirtschaft sehr stark von der Binnennachfrage lebt und daher Trickle-down in gewissem Umfang funktioniert haben könnte.

Trickle-down-Ansatz in Deutschland

Die Steuerreform des Jahres 2000 führte in Deutschland zur Entlastung sehr hoher Einkommen und Vermögen. Das DIW analysierte, dass der abgesenkte Spitzeneinkommensteuersatz und die geringere Unternehmensbesteuerung 10 % der reichsten Haushalte um 2,3 % sowie 1 % der reichsten Haushalte um 4,8 % entlasteten. Da gleichzeitig indirekte Steuern leicht erhöht wurden, stieg die Steuerbelastung für alle Einkommensgruppen um 0,1 %.

Das BIP reagierte offenkundig nicht auf den Trickle-down-Ansatz, es schwankte in den Folgejahren heftig. Dazu trug allerdings auch die Finanzkrise 2008/2009 bei. Die genauen Zahlen zeigt statista.de/deutsches BIP 1992 bis 2020. In Deutschland vertreten unter anderem Friedrich Merz und weitere CDU-Politiker offensiv einen Trickle-down-Ansatz, während die FDP ihre Ambitionen in dieser Hinsicht nur latent andeutet. In den laufenden Koalitionsverhandlungen mit den Grünen und der SPD konnte sie sich bislang mit Steuersenkungen für obere Einkommen nicht durchsetzen (Stand: Ende Oktober 2021).

Kritik an der Trickle-down-Theorie

Wirtschaftswissenschaftler wie Paul Krugman, Joseph Stiglitz, Achim Truger und Marcel Fratzscher bezweifeln den Trickle-down-Effekt und sehen hierfür keine Belege. Marcel Fratzscher positionierte sich zuletzt 2021 dagegen. Er versuchte zu belegen, dass Trickle-down höhere Staatsschulden bei weniger gesamtgesellschaftlichem Wohlstand verursache. Sein Kollege Achim Truger differenzierte stärker: Nach seiner Auffassung funktioniert Trickle-down in Deutschland nicht, jedenfalls nicht mit der seit 2000 praktizierten Steuerpolitik. In den USA führte der Congressional Research Service bis 2012 eine Untersuchung zur Thematik durch und stellte fest, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen einem geringeren Spitzensteuersatz und Wirtschaftswachstum inklusive Arbeitsplatzschaffung nicht nachweisbar sei. Dieser Bericht wurde nach einer Meldung der New York Times von November 2012 auf Druck von Abgeordneten der Republikaner nicht veröffentlicht.


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Die Senatoren hatten Bedenken zur Methodik und den daraus abgeleiteten Erkenntnissen angemeldet. Dies stieß auf demokratischer Seite auf starke Kritik unter anderem vom Senator Charles Schumer, der das Vorgehen der Republikaner als „Methoden einer Bananenrepublik“ kritisierte. Unabhängige Ökonomen und Berater des Kongresses merkten an, dass das Vorgehen der Republikaner gegen einen Bericht des wissenschaftlichen Kongressdienstes einmalig sei.

Papst Franziskus positionierte sich 2013 in einem apostolischen Brief gegen die Trickle-down-Theorie. Nach seinen Worten basiere diese auf einem undifferenzierten, naiven Vertrauen in die Güte der Reichen und wirtschaftlich Mächtigen. Der Wirtschaftsjournalist Mark Schieritz kritisiert die Vorstellung, dass Reiche durch Konsumption oder Investition ihr Geld in die Gesellschaft transferieren würden. Vielmehr würden sie es sparen oder an der Börse anlegen, so der Fachmann. Auch den verklärenden Ansatz der Trickle-down-Theorie greift er an. Das Anhäufen von Reichtümern sei beleibe keine gute Tat, welche der Gesellschaft etwa nütze. Vielmehr diene die Trickle-down-Theorie lediglich der moralischen Absicherung für bloße Gier nach Reichtum.

Ähnlich positioniert sich das Center for American Progress. Nach der Auffassung der dort tätigen Wissenschaftler haben Trickle-down-Maßnahmen eher kontraproduktive Effekte, weil die Reichen die durch Steuersenkungen erhaltenen Geldgeschenke seltener verkonsumieren oder in die Produktion investieren und häufiger an der Börse anlegen oder sparen. Auch würden sie ihre Mittel gern in Steuerparadiese transferieren. Insgesamt mache Trickle-down die Gesellschaft ungleicher und führe zu geringeren finanziellen Mitteln in der Mittel- und Unterschicht. Die Nachfrage sinke dadurch, was das BIP mittelfristig schwäche.

Fazit: Was ist der Trickle Down Effekt? 

Die Trickle-down-Theorie wird in der Öffentlichkeit regelmäßig zu plakativ dargestellt. In dieser Darstellung sind Belege für ihre Wirksamkeit oder das Gegenteil davon nicht plausibel zu kommunizieren. Zweifellos konsumieren Reiche mehr, wenn sie mehr Geld zur Verfügung haben. Dieser Konsum kann punktuell Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum insgesamt fördern, doch der Effekt dürfte bei Weitem nicht so hoch ausfallen wie eine stärkere Nachfrage durch die breite Bevölkerung, wenn diese etwa durch höhere Mindestlöhne mehr Geld in der Tasche hat.

Wenn sich Reiche Luxusgüter kaufen, hat das auf die Beschäftigungsquote nur einen sehr kleinen Effekt, denn in der Luxusgüterindustrie sind nicht sehr viele Arbeitnehmer*innen beschäftigt. Deutlich höher dürfte der Effekt ausfallen, wenn Unternehmenssteuern gesenkt werden und Mittelständler dadurch ihre Betriebe ausbauen, weil sie über mehr Liquidität verfügen. Diese Effekte müssten aber genauer untersucht werden.

Autor: Pierre von BedeutungOnline

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