Was ist Denazifizierung? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist Denazifizierung, Bedeutung, Definition, Erklärung


Im Zuge der russischen Aggression gegen die Ukraine wurde vor allem die “Denazifizierung” als Grund angeführt, warum es eine Intervention der russischen Armee in der Ukraine braucht. Während es sich dabei natürlich nur um einen weiteren vorgeschobenen Grund der russischen Führung für einen Angriffskrieg handelt, ist der Begriff an sich durchaus berechtigt. Der Ansatz der Denazifizierung ist nicht neu und wurde besonders nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zu einem wichtigen Punkt für die Neugründung der Republik. Ein genauer Blick auf die Umstände zeigt aber recht schnell, dass die Denazifizierung in der Ukraine in Deutschland ganz unterschiedliche Zwecke und eine ganz unterschiedliche Berechtigung verfolgte.

Was lässt sich unter dem generellen Begriff der Denazifizierung verstehen? Erklärung, Bedeutung, Definition

Die Ursprünge des Begriffes der Denazifizierung gehen auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zurück. Nachdem klar wurde, dass das Reich von Adolf Hitler irgendwann zusammenbrechen würde, mussten sich die Alliierten darüber Gedanken machen, wie sie mit all den Personen umgehen sollten, die eine Rolle in dem mächtigen Apparat der nationalsozialistischen Führung gespielt haben. Viel wichtiger war dabei die Frage, wie viele dieser Personen tatsächlich ideologisch an dem diktatorischen System beteiligt waren und welche Personen beispielsweise eine wichtige Rolle in den Angriffskriegen und dem Holocaust gespielt haben.

Letztlich ist der heutige Begriff der “Entnazifizierung” deutlich präsenter in der deutschen Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Alliierten verschiedene Prozesse in die Wege geleitet, mit denen sie die führenden Menschen in den NS-Ministerien und NS-Organisationen zur Verantwortung ziehen wollten. Auch innerhalb der Bevölkerung, der Ämter, der Gerichte und der Vereine, ebenso im städtischen Wesen sollte überprüft werden, wie sehr die Menschen mit der tatsächlichen Ideologie der Nazis verknüpft waren und welche Rolle sie dabei gespielt haben. Dabei wurden sowohl ihre eigenen Aussagen als auch jene von Zeugen für das Urteil genutzt.

Das Problem bei der Entnazifizierung waren die unterschiedlichen Standards, die die Besatzungstruppen der Alliierten aufgebracht haben. Wer in der SS dienste war nicht zwangsläufig ein Kriegsverbrecher und während er in der Besatzungszone der Sowjetunion vermutlich vor Gericht gelandet ist, kann er besonders in der westlichen Besatzungszone recht schnell von seinen Verbrechen frei gesprochen worden sein. Das hat am Anfang für einen schnellen Wiederaufbau der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geführt – aber eben auch zu vielen Protesten im Laufe der Jahrzehnte.

Vor allem ab den 1960er Jahren wurden die Begriffe der Denazifizierung beziehungsweise der Entnazifizierung in Deutschland mit einer umfassenden gesellschaftlichen Debatte in das Licht gerückt. Erst durch die Aufarbeitung davon, wie viele Teilhaber und Verbrecher der Nazi-Regierung in Deutschland wieder in Amt und Würden gelandet sind, wurde einem großen Teil der Bevölkerung klar, wie sehr die Entnazifizierung in Deutschland versagt hatte. Das zieht sich mitunter bis heute, weil selbst heute noch Täter aus den damaligen Regimen vor Gericht gebracht werden, die zu keinem Zeitpunkt in früheren Jahren von Staatsanwaltschaften verfolgt worden sind.

Der Begriff der Denazifizierung im Kontext der russischen Invasion auf die Ukraine

Eine der deutlichsten Begründungen, die der russische Kreml, das Regierungsorgan der russischen Föderation, für dein Einmarsch in die Ukraine verlautbaren ließ, war eine Denazifizierung der Regierung der Ukraine. Natürlich lässt sich dies recht einfach als eine Form der Propaganda entschlüsseln, alles in allem gibt es aber durchaus Grund, warum gerade dieses bestimmte Argument gewählt wurde. Das lässt sich vor allem auf die Proteste des sogenannten Euromaidan im Jahr 2014 zurückführen, in denen es um den möglichen Beitritt der Ukraine in die EU ging und die schließlich in den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine und die völkerrechtswidrige Annektierung der Krim geführt haben.

Während der Demonstrationen über das Schicksal der Ukraine gab es eine Gruppe von Nationalisten und von Neo-Nazis, die sich den Aufständischen gegen die Gruppen der damaligen Regierung und auch gegen die russlandtreuen Demonstranten angeschlossen haben. Diese waren deutlich mit entsprechenden Kennzeichen zu sehen und haben auch nach dem Ende der Proteste noch eine Rolle gespielt. Auch im Bürgerkrieg in der Ostukraine gab es eine Gruppierung unter Soldaten, die durch deutlichen Antisemitismus und durch Neo-Nazi Kennzeichen aufgefallen ist. Entsprechend war der Vorwurf, dass die Ukraine von Neo-Nazis oder einfach von Nazis unterwandert ist eine willkommene Möglichkeit, die Regierung der neuen Ukraine zu delegitimieren.

Tatsächlich gibt es aus neutraler Ansicht keine wirklichen Anzeichen dafür, dass Nazis oder rechtsnationale Personen eine übermäßige Präsenz innerhalb der ukrainischen Institutionen haben. Zwar gibt es einen Deutungsstreit über einige Personen und Figuren der Vergangenheit, die eine überaus zweifelhafte Historie haben – aber trotzdem in der Ukraine verehrt werden – damit unterscheiden sich die Ukrainer aber nicht wesentlich von diversen anderen Ländern in Europa oder der Welt.

Der Begriff der Denazifizierung in der modernen Anwendung

Alles in allem werden die Begriffe aber heute höchstens noch in einem historischen Kontext wirklich korrekt benutzt. Sowohl im diplomatischen als auch im politischen Dialog haben sich sowohl “Entnazifizierung” als auch “Denazifizierung” vor allem zu Kampfbegriffen entwickelt, mit denen man über die eigentlichen Beweggründe hinwegtäuschen oder andere Parteien delegitimieren möchte – so wie es auch zuletzt beim Einfall Russlands in die Ukraine der Fall war.

Autor: Pierre von BedeutungOnline

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