Was ist blinder Aktionismus? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist blinder Aktionismus, Bedeutung, Definition, Erklärung


Blinder Aktionismus ist ein sehr betriebsames, allerdings unreflektiertes und damit auch zielloses Handeln. Es fehlt das Konzept, daher stellen sich auch keine Erfolge ein.

In der Regel soll mit blindem Aktionismus die eigene Untätigkeit, Unfähigkeit oder Unterforderung verschleiert werden. Projekte werden zwar diskutiert und oft sogar begonnen, finden aber kein erfolgreiches Ende.

„Blinder Aktionismus“ findet statt, damit jemand sagen kann, dass er oder sie überhaupt etwas getan hat. (Was wohl in den Augen des blinden Aktionisten besse als nichts ist.)

Was ist blinder Aktionismus? Bedeutung, Definition, Erklärung

Zuerst wurde der Ausdruck „blinder Aktionismus“ in den 1960er-Jahren für das Handeln von Politikern und politischen Gruppen als Bezeichnung verwendet. Heute kennzeichnet man damit auch das Handeln von Managern.

Den Politikern wurde zuerst vorgeworfen, dass sie zwar mit Meinungsäußerungen zu verschiedensten politischen Fragen auffallen und dazu oft Arbeitsgruppen gründen oder Untersuchungen durchführen lassen, aber nicht praktisch und zielgerichtet an der Lösung der Probleme arbeiten.

Politische Gruppen führen oft unorganisierte Aktionen durch, mit denen sie zwar Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse erreichen wollen, die aber so wenig konkrete Ziele formulieren, dass die ganze Aktion verpufft. Wahrscheinlich prägte für solche Aktionen erstmals Theodor W. Adorno Ende der 1960er-Jahre den Begriff „blinder Aktionismus“. Er stellte fest, dass dahinter jede Menge Anarchismus steckt, also ein Auflehnen gegen alles und jeden, aber kein konstruktives Konzept.

Bedeutung: „Blinder Aktionismus“

Nachdem man festgestellt hatte, dass es „blinden Aktionismus“ gibt, übernahm man den Begriff auch in diejenigen Bereiche, die nichts mit Politik, aber viel mit Aktion zu tun haben. In Wirtschaftsunternehmen (und auch in Behörden) wird sehr viel agiert, aber nicht immer führen diese Aktionen zum Erfolg. Die Hintergründe liegen auf der Hand: Es gibt im Berufsleben Phasen mit viel Druck, in denen die Beteiligten einfach handeln wollen, um diesen Druck loszuwerden. Die Probleme drängen, „man muss etwas tun“. Die Einsicht, dass Abwarten sinnvoller sein könnte, fällt unglaublich schwer. Das führt dann zu blindem Aktionismus.

Wichtig ist zu wissen: Die Aktion selbst ist nicht unbedingt falsch. Sie darf nur nicht blind verlaufen. Wer eine Situation analysiert und dabei zu einem plausiblen Ergebnis kommt, agiert anschließend nicht blind, sondern sehenden Auges.

Beispiel: Es ist ein neuer Konkurrent auf den Plan getreten, der dem eigenen Unternehmen Marktanteile abjagt. Der Manager beschließt daher spontan: „Wir erhöhen den Ausstoß und senken gleichzeitig die Preise! Wir überschwemmen den Markt, das bricht unserem Konkurrenten das Genick.“ Das wäre leider blinder Aktionismus, der auf einen ruinösen Wettbewerb hinausläuft und daher möglicherweise diesem Manager das Genick bricht. Eine maßvolle Reaktion wäre vielmehr, nach eingehender Analyse das eigene Portfolio zu diversifizieren. Das verlangt auch viel Aktion, aber diese verläuft nicht blind.

Psychologie: Blinder Aktionismus aus psychologischer Sicht

Aus psychologischer Sicht verleitet uns jede Stresssituation zu einem der beiden Handlungsmuster „Flucht“ oder „Angriff“. Das stammt aus der Urgeschichte der Menschheit.

Im Wirtschaftsleben greifen die Akteure meistens an, wie es der so eben beschriebene Manager in seinem blinden Aktionismus plant. Fliehen würde bedeuten, den betreffenden Markt aufzugeben, was selten geschieht.

Allerdings sind diese beiden simplen Handlungsmuster im modernen komplexen Wirtschaftsgeschehen selten ausreichend, um eine neue, schwierige Situation zu bewältigen. Sie werden nur deshalb ausgelöst, weil in extremen Stresssituationen kein Mensch mehr klar denken kann. Der Manager redet sich zwar ein, eine zielgerichtete und durchdachte Aktion zu starten, doch dieser Glaube ist nichts weiter als eine rationalisierende Abwehrreaktion gegen seinen Stress. Im Grunde schlägt er einfach um sich. Das ist ein kennzeichnendes Merkmal von blindem Aktionismus: Hauptsache Aktion, analysieren können wir später.

Praktische Konsequenzen von blindem Aktionismus

In der Politik führt blinder Aktionismus zu nicht sehr sinnvollen Gesetzen und beispielsweise auf kommunaler Ebene oft zu sinnlosen, überteuerten Bauprojekten. Der Bund der Steuerzahler listet dann die Geldverschwendung durch solche Aktionen auf.

In Wirtschaftsunternehmen sind die Folgen nicht minder prekär: Es wird zum Beispiel für viel Geld technisches Equipment angeschafft, das aber nicht richtig passt und dann teuer nachgebessert werden muss. Der oben beschriebene Manager erhöht vielleicht wirklich den Produktionsausstoß und verkauft anschließend zu Dumpingpreisen, was nicht den Konkurrenten, sondern die eigene Firma in die Pleite treibt. Auch widersprüchliche Anweisungen an die Belegschaft sind eine Folge von blindem Aktionismus. Sie richten konkreten Schaden in der Produktion an und demotivieren überdies sehr stark die MitarbeiterInnen. Leider reflektieren blinde Aktionisten selten über ihr Tun, im schlimmsten Fall rechtfertigen sie es ideologisch.

Hierfür liefert die Geschichte einige wirklich entsetzliche Beispiele wie etwa den „Großen Sprung nach vorn“ und die „Kulturrevolution“ in der Volksrepublik China ab Ende der 1950er-Jahre. Damals befahl der „Große Vorsitzende“ (Partei- und Staatschef) Mao Tse-tung zunächst eine Industrialisierung mit der Brechstange, die zur Aufgabe von bewährten landwirtschaftlichen Strukturen führte und dadurch eine Hungersnot auslöste. Während der anschließenden Kulturrevolution wurden vermeintliche Abweichler ausgemerzt. Beides zusammen führte wahrscheinlich zu rund 50 Millionen Toten.

Wie kommt es in modernen Wirtschaftsunternehmen zu blindem Aktionismus?

Man geht davon aus, dass eine zu große Machtfülle von Managern zunächst deren Betriebsblindheit fördert und in Stresssituationen dann auch blinden Aktionismus auslöst. Wahrscheinlich liegt das daran, dass diese Manager selbst nicht mehr genau wissen, warum sie so viel Macht besitzen und so hohe Bezüge erhalten. Beides erscheint ihnen oft wie ein unverdientes Glück, das sie aber um keinen Preis missen möchten. Wenn es gefährdet wird, geraten sie unter einen unerhörten Druck – und bekämpfen ihn mit blindem Aktionismus. Nicht selten leiten sie damit ihren Karriereknick ein.

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