Warum sagt man “Mein lieber Herr Gesangsverein”? Woher kommt die Redewendung? Wortherkunft, Bedeutung, Erklärung

Warum sagt man Mein lieber Herr Gesangsverein, Woher kommt die Redewendung, Wortherkunft, Bedeutung, Erklärung


„Mein lieber Herr Gesangsverein!“ Das ist eine Redewendung, die den meisten Menschen geläufig ist. Viele benutzen diese Floskel selbst, meist beiläufig als spontane Reaktion oder als Ausdruck der Überraschung in Gesprächen über aktuelle, interessante Themen. Hin und wieder wird diese Phrase aber auch verwendet, um in bestimmten Situationen dem Gesagten noch mehr Gewicht zu verleihen. Die Wirkung dieser Redensart ist demnach bekannt, über ihre Bedeutung, ihre Entstehung und ihre Herkunft weiß man dagegen umso weniger.

Wann sagt man „Mein lieber Herr Gesangsverein“?

„Mein lieber Herr Gesangsverein!“ Das ist in den meisten Fällen ein Ausruf der Verwunderung, des Erstaunens, der Überraschung, der Verblüfftheit und der Anerkennung. Die Verwendung der Redensart erfolgt somit meist intuitiv. Sie kann allerdings auch eingesetzt werden, um Details einer Aussage besonders zu betonen. Der Gebrauch in Momenten der Verärgerung ist ebenfalls möglich, allerdings passiert das oft in Selbstgesprächssituationen, wenn einem scheinbar einfache Dinge nicht gelingen wollen.

Warum sagt man „Mein lieber Herr Gesangsverein“? Was bedeutet der Begriff? Bedeutung, Erklärung

Der Grund, weshalb Menschen den Begriff „Mein lieber Herr Gesangsverein!“ verwenden und meist einen ergänzenden Satz voran- oder nachstellen, ist relativ leicht zu verstehen. Die Redewendung ist in den Deutschen Wortschatz übergegangen und jeder, der sie mehrfach gehört hat, kann sie als sprachliches Element nachvollziehen, ohne über die Bedeutung der einzelnen Wörter detailliert nachdenken zu müssen. Diese Aneinanderreihung von Begriffen, deren Kombination weder auf dem ersten Blick noch bei näherer Betrachtung einen Sinn ergibt, ist aber gerade das Mysterium dieser Redewendung.

Erklärungsversuche sind selbstverständlich schnell gefunden. Immerhin verlangt das 2. der 10 Gebote in der Bibel: „Du sollst den Namen des Herren, deines Gottes, nicht missbrauchen.“ Aus diesem Grund, so lautet die Erklärung, wird auch bei der Redewendung „Mein lieber Herr Gesangsverein“, der Gottesbegriff vermieden und stattdessen ein anderes Wort sozusagen als Platzhalter eingesetzt. Das ist nachvollziehbar und die einzige schlüssige Erklärung für diese Wortkombination. Weshalb Menschen aber ausgerechnet auf das Wort „Gesangsverein“ gekommen sind, beantwortet diese These nicht.

An dieser Stelle wird argumentiert, dass sich auch vollkommen sinnbefreite Wörter für diese Ersatzfunktion eignen. Gleichzeitig wird bei ähnlichen Redewendungen wie „Mein lieber Scholli“ oder „Mein lieber Schwan“ eine Wortbedeutung vermutet. Weshalb sollte dies beim „Herrn Gesangsverein“ nicht der Fall sein? Immerhin verwendet die Redewendung das Wort „Herr“ explizit, gleichzeitig ist das vermutete Ersatzwort für den Gottesnamen – Gesangsverein – ausgesprochen blasphemisch.

Vielleicht ist das Wort „Gesangsverein“ aber auch gar keine Vermeidung des Gottesnamen, sondern steht als Synonym für einen Begriff, die in der Entstehungszeit nur konspirativ verwendet werden konnte. Studentische Bünde, Revolutionen, Kirchenkampf oder Arbeiterbewegung könnten Hintergründe gewesen sein, Begriffe wie Genosse, Bundesbruder oder Korporierter sollten eventuell verschleiert werden. Das ist in dieser gesellschaftlichen Periode durchaus vorstellbar, letztendlich aber reine Spekulation.

Wann, wo und wie ist die Redewendung „Mein lieber Herr Gesangsverein“ entstanden? Bedeutung

Gesangsvereine als organisierte Form traten in Deutschland erstmal in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Die Enstehung der Redewendung „Mein lieber Herr Gesangsverein“ ist deshalb in dieser Zeit oder in den 50 Jahren danach zu vermuten. Wo genau in Deutschland die Wortkombination das erste Mal verwendet wurde und in welchen gesellschaftlichen Kreisen sie sich manifestierte liegt vollkommen im Dunkeln. Das sie zufällig irgendwo entstand und sich gerade aufgrund ihrer Absurdität und Sinnentstellung mit der Zeit in weiten Kreisen der Bevölkerung etablierte, ist mittlerweile gängige Theorie. Es ist allerdings ebenso nicht auszuschließen, dass sich die Redewendung mit der Zeit veränderte und erst später die kuriose Form annahm, die wir heute kennen.

Das Menschen, die sich in Liederkränzen und Musikvereinen regelmäßig trafen, ihre Neuigkeiten mit dem einleitenden Satz „Meine lieben Herren vom Gesangsverein“ mitteilten oder talentierte Sänger von begeisterten Außenstehenden mit den Worten „Mein lieber Herr vom Gesangsverein“ angesprochen wurden, ist nicht ganz abwegig. Die Verwendung als Synonym für Institutionen oder Personen, über die man spotten wollte, kann ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. Möglich wäre auch eine Wortveränderung aufgrund der Adaption aus einer anderen Sprache oder einem vollkommen anderen Zusammenhang. Das würde die Kuriosität der Redewendung erklären, Ansätze dafür gibt es aber bislang nicht.

Was hat Kaiser Wilhelm I. mit „Mein lieber Herr Gesangsverein“ zu tun?

Im Internet kursiert eine plausible Entstehungsgeschichte für die Redewendung „Mein lieber Herr Gesangsverein“. Demnach soll der Deutsche Kaiser Wilhelm I. auf einer Festveranstaltung 1872 verdiente Personen aus seiner treuen Dienerschaft geehrt haben, unter denen sich auch sein persönlicher Hofdiener Karl-Heinz Gesangsverein befand. Er schloss die Rede mit den Worten: „Auch ihnen möchte ich besonderen Dank aussprechen, mein lieber Herr Gesangsverein!“ Der Ausspruch gilt seitdem als besonderer Ausdruck von Freude und Begeisterung, endet der Artikel eines bekannten deutschen Satiremagazins. Die Geschichte hat seitdem ihre Runden durch zahlreiche Internetforen gedreht, selbst Online-Magazine berichteten darüber als wäre es eine historich belegte Tatsache.

Manchmal wäre es so schön, wenn es eine einfache Erklärung für alles was wir kennen gäbe. Die Herkunft, die Bedeutung und die Entstehungsumstände von „Mein lieber Herr Gesangsverein“ bleiben dagegen weitgehend im Nebel der Vergangenheit verborgen.

Autor: Pierre von BedeutungOnline

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