Was ist sekundärer Antisemitismus? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist sekundärer Antisemitismus, Bedeutung, Definition, Erklärung


Sekundärer Antisemitismus ist nicht zweitrangiger, sondern nachgelagerter Antisemitismus. Es ist der Antisemitismus aller Generationen nach Auschwitz und weniger noch lebender alter Deutscher, die ihn erst nach 1945 entwickelt haben. Antisemitismus gibt es seit Jahrtausenden, er wird schon aus der Antike berichtet und wurde mit dem christlichen Antijudaismus immer problematischer. Pogrome gibt es ebenso schon sehr lange. Doch Auschwitz war ein Jahrtausendverbrechen. Antisemitismus nach Auschwitz ist neu zu bewerten. Sekundärer Antisemitismus ist der Antisemitismus seit 1945 und muss als besonders prekär gelten.

Sekundärer Antisemitismus vs. Schuldabwehrsemitismus

Der Schuldabwehrsemitismus ist ein anderes Phänomen, wenngleich mit dem sekundären Antisemitismus latent verwandt: Die nachgeborenen Deutschen wehren sich manchmal mit Antisemitismus dagegen, für die Verbrechen der NS-Zeit in Haft genommen zu werden, für die sie in der Tat nichts können. Antisemitismus ist natürlich das vollkommen falsche Mittel für die Abwehr dieser unverdient aufgeladenen Schuld, die ihnen in Wahrheit auch niemand gibt. Schuldabwehrantisemitismus ist ein psychologischer Mechanismus. Obgleich er andere Wurzeln hat, ist er insofern mit dem sekundären Antisemitismus verwandt, weil er ebenfalls die Generationen nach Auschwitz betrifft. Inwieweit es früher schon Schuldabwehrsemitismus zum Beispiel nach Pogromen gab, ist wenig bekannt.

Wie kommt es zur Bezeichnung „sekundärer Antisemitismus“?

Sekundär heißt bildungssprachlich, dass ein Phänomen nach einem Ereignis auftritt. In diesem Sinne kennzeichnen den sekundären Antisemitismus drei wichtige Merkmale:

  • #1: Er entstand erst nach Auschwitz und passte sich anschließend an die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen an.
  • #2: Er zielt darauf ab, die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Folgen des Holocaust, die durch mühevolle Aufarbeitung geprägt sind, auf antisemitische Weise entweder zu leugnen oder zu neutralisieren.
  • #3: Er dient dazu, psychologische Ambivalenzen auszublenden, die Menschen aufgrund ihrer gescheiterten individuellen Aufarbeitung des Holocaust empfinden. Hiervon sind Personen der Jahrgänge bis etwa 1928 betroffen, die in irgendeiner Weise in die NS-Diktatur verstrickt waren (und sei es durch Geschehenlassen). Diese Jahrgänge sterben aus, doch sie haben ihr Weltbild an ihre Kinder weitergegeben.

Übergang vom nationalsozialistischen Antisemitismus zum sekundären Antisemitismus

Der nationalsozialistische Antisemitismus war singulär und konnte daher zum singulären Ereignis des Holocaust führen. Juden wurden seit Jahrtausenden verfolgt, doch noch nie vor den 1930er-Jahren wurde auf staatlicher Ebene befohlen, sie gezielt und industriell zu vernichten. Dies nennt die Geschichtsforschung den eliminatorischen Antisemitismus, der in Auschwitz gipfelte und militärisch besiegt wurde. Damit wurde er gleichzeitig auf der Ebene der Weltgesellschaft geächtet, während früherer Antisemitismus durchaus gesellschaftsfähig war.

Man findet ihn bei Richard Wagner und sogar bei Johann Sebastian Bach. Nachdem nun die Weltgesellschaft den Holocaust als Jahrtausendverbrechen klassifiziert hatte, verabschiedeten die Vereinten Nationen ihre Konvention gegen den Völkermord, während in Deutschland die Besatzungsmächte große Anstrengungen bei der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen unternahmen und gleichzeitig das deutsche Volk politisch und pädagogisch streng ermahnten, keinen Antisemitismus mehr zuzulassen. Allerdings war die deutsche Bevölkerung der damaligen Zeit in das System der Judenverfolgung verstrickt und konnte nicht leugnen, der NS-Ideologie mehrheitlich gefolgt zu sein.

Antisemitismus war ab 1933 ein wichtiger gesellschaftlicher Kitt gewesen, den Menschen nicht so einfach abschütteln. Daher verabschiedeten sich die Deutschen auch nicht ohne Weiteres davon, sondern äußerten sich ab sofort nur noch privat judenfeindlich. In diesem Rahmen wirkte der Antisemitismus fort, und zwar in beiden deutschen Staaten. In der westdeutschen Bundesrepublik etablierte sich zwar neben der offiziellen Israel-freundlichen Position auch ein stillschweigender anti-antisemitischer Grundkonsens, auch in der ostdeutschen DDR bezog man gegen die Verbrechen des Faschismus Stellung. Dennoch verbrüderte sich die DDR-Regierung sehr plakativ mit der Palästinenserführung und sprach offiziell vom expansiven Zionismus des Staates Israel, während in Westdeutschland Antisemitismus in privaten Kreisen niemals gänzlich verschwand.

Zwar distanzierten sich beide deutsche Staaten von den NS-Verbrechen, doch eine wirkliche Aufklärung gegen Antisemitismus betrieben sie nicht. Wenigstens stand und steht die Bundesrepublik zum Staat Israel. Dennoch hat sie bis zur Gegenwart (dem Jahr 2021) große Mühe, gegen Antisemitismus aktiv vorzugehen. Er ist zwar politisch geächtet, doch nach wie vor latent gesellschaftsfähig, wenngleich als sekundärer Antisemitismus. Zu begegnen wäre diesem mit einer Etablierung von Erinnerung: Was ist während der Shoa geschehen? Wie handelten unsere Großeltern und Urgroßeltern? Wie würden wir handeln? Wie können wir verhindern, dass sich so ein Geschehen wiederholt? Wie handeln wir denn heute, wenn wir Antisemitismus bemerken? Sich diesen Fragen zu stellen ist mühevoll. Die Politik unternimmt durchaus Anstrengungen, doch der Wunsch nach Verdrängung ist sehr groß. Der Frankfurter Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno (1903 – 1969) spottete zu diesem Thema: „Reden Sie im Haus des Henkers lieber nicht vom Strick. Er könnte glauben, Sie hätten Ressentiments.“

Fünf Erklärungsansätze für den sekundären Antisemitismus

Es gibt in der modernen Forschung fünf Erklärungsansätze für den sekundären Antisemitismus, die wir hier verkürzt wiedergeben.

1. Aktualisierung eines Weltbildes wegen kognitiver und emotionaler Schwäche

Wenn der sekundäre Antisemitismus ein kognitiv-emotional ausgeprägtes Weltbild ist, dann könnte dieses entstanden sein, weil seine Protagonisten die kognitiv-emotionale Mühe scheuen, sich mit der komplexen Wirklichkeit eines antisemitischen Weltbildes und des jüdischen Lebens überhaupt auseinanderzusetzen. Sie sind unfähig und unwillig. Daher aktualisieren sie den historischen Antisemitismus der Zeit vor 1933 und übertragen ihn in die postnationalsozialistische Zeit nach 1945. Den anti-antisemitischen Grundkonsens können sie nicht als Resultat von komplexen Prozessen (wie oben beschrieben) deuten. Sie greifen lieber Mythen beispielsweise von einer jüdischen Verschwörung auf, wie es zuletzt während der Coronapandemie geschehen ist. Diese Mythen haben in der Tat lange historische Wurzeln und waren in früheren Jahrhunderten stark verbreitet. Juden sollten an Pestausbrüchen die Schuld tragen, sie wurden deshalb verfolgt und umgebracht. Dass diese Verfolgung eine Basis für den eliminierenden Antisemitismus der NS-Zeit war, blenden die sekundären Antisemiten nach dieser These aus. Sie sprechen lieber von einem „Schuldkult“.

2. Sekundärer Antisemitismus als Anpassungsleistung

Sekundärer Antisemitismus könnte auch der Anpassung an die seit rund 70 Jahren etablierten anti-antisemitische Normen geschuldet sein. Zugrunde würde dem eine Kommunikationslatenz (das unterschwellige Fortwirken) des traditionellen Antisemitismus liegen. Nachdem sich der anti-antisemitische Grundkonsens etabliert hat, wurde den Antisemiten bewusst, dass sie sich nicht offen äußern und schon gar nicht den Holocaust leugnen oder gar verherrlichen dürfen. Beides wird in Deutschland strafrechtlich verfolgt. Also äußern sie sich mit rhetorischen Chiffren. Juden werden als Vertreter der amerikanischen Ostküste (wegen der Judenfreundlichkeit der modernen Megastädte im US-Osten) und auch gern als Zionisten bezeichnet. Letzteres ist abwertend konnotiert, schon die DDR setzte dieses Mittel ein (siehe oben). Es gibt noch wesentlich mehr solcher Chiffren, die unter anderem der CDU-Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen verwendet. Auch überzogene Kritik am Staat Israel fällt in diese Kategorie. Letzten Endes passen sich diese Protagonisten eines sekundären Antisemitismus so weit an, dass sie strafrechtlich nicht verfolgt werden können und auch in der Diskussion nur schwer zu stellen sind.

3. Sekundärer Antisemitismus als Reaktion auf den gesellschaftlichen Druck wegen nationalsozialistischer Verstrickungen der eigenen Familie

Natürlich gibt es auch Menschen mit Vorfahren, die nationalsozialistisch stärker verstrickt waren. Die Nachgeborenen werden von ihrem Umfeld gelegentlich danach befragt, was sehr unangenehm ist, denn wir alle können nichts für die Taten unserer Vorfahren. Dies könnte bei ihnen sekundären Antisemitismus als Gegenreaktion auslösen, darüber hinaus könnte er durch ihre Vorfahren in die Familie getragen worden sein. Der Sozialforscher Peter Schönbach stellte schon 1961 die These auf, dass sich die direkt in den Nationalsozialismus involvierten Personen der Jahrgänge bis 1928 innerhalb ihrer Familien rechtfertigten, in diesem privaten Rahmen auch zu ihrem Antisemitismus standen, wenngleich sie wohl meistens Abscheu gegenüber den Vernichtungslagern äußerten, „von denen niemand etwas wusste“ (längst widerlegt), und damit ihre innerfamiliären Beziehungen stabilisierten. Das gelang nicht immer, wie die 1968er-Revolte in Westdeutschland zeigte, die sich gegen die Naziverstrickungen der damaligen Elite richtete. Doch wo es gelang, stärkte es sicher den sekundären Antisemitismus auch bei den Nachgeborenen.

4. Sekundärer Antisemitismus als Position gegen Antisemitismus- und Nationalismuskritik

Ein sehr einfacher psychologischer Mechanismus wäre die Gegenreaktion auf die staatlich verordnete Kritik am Antisemitismus und Nationalismus. Das ist nachvollziehbar und besonders gut in Ostdeutschland zu beobachten. Die DDR gebärdete sich sozialistisch und bezog auch gegen Antisemitismus Stellung (wenngleich sie den Staat Israel als „zionistisch“ verunglimpfte), insbesondere verurteilte sie aufs Schärfste den Nationalsozialismus mitsamt seiner Verbrechen. Gerade in Ostdeutschland sind heute rechte und antisemitische Tendenzen besonders stark ausgeprägt, was als Gegenreaktion auf die DDR-Propaganda zu werten ist.

Ähnliche Phänomene gibt es in Westdeutschland. Auf der Ebene der Parteienkommunikation wird diese psychologische Gegenreaktion institutionalisiert. Vertreter rechter Parteien bedienen sich zumindest eines latenten Vokabulars des sekundären Antisemitismus, um ihre von Antisemitismuskritik betroffene Partei besser abzuschirmen: Innerparteilich verbieten sie strikt antisemitische Äußerungen, doch öffentlich verwenden viele ihrer Vertreter sekundär-antisemitische Codes wie „Globalisten“, womit natürlich die jüdische Finanzelite gemeint ist. Diese hatte schon Hitler angeprangert. Diesen Code verwendet übrigens auch Hans-Georg Maaßen gern. Die Vertreter rechter Parteien wie der AfD stellen damit die Extremisten in ihrer Partei ruhig und disziplinieren sie, gleichzeitig machen sie den sekundären Antisemitismus salonfähig.


BedeutungOnline.de-Newsletter: Jetzt eintragen

*1 Hinweis: Nach Klick oder Tippen auf den Link werden Sie zur Anmelde-Seite unseres Newsletter-Anbieters Sendinblue weitergeleitet.

Der Newsletter erscheint wenige Male im Monat. Er ist eine persönliche Nachricht von Pierre von BedeutungOnline.de und informiert Sie über interessante neue Einträge, Worte des Zeitgeschehens, Jugendworte und interessante Worte.


5) Bewältigung entlehnter Schuldgefühle

Die letzte These zur Entstehung des sekundären Antisemitismus ist sehr psychologischer Natur. Die Nachgeborenen haben die Schuld ihrer Vorfahren zunächst auf sich genommen (sie „entlehnt“), doch damit werden sie nicht fertig. Daher reagieren sie mit sekundärem Antisemitismus, um ihre Vorfahren und damit sich selbst zu entlasten. Dass jemand eine Schuld auf sich nimmt, obgleich er nichts verbrochen hat, ist ohnehin ein ungewöhnlicher und schwieriger Vorgang. Die These erscheint etwas weit hergeholt, mag aber bei manchen Personen zutreffen.

Autor: Pierre von BedeutungOnline

Hallo, ich bin Autor und Macher von BedeutungOnline. Bei BedeutungOnline dreht sich alles um Worte und Sprache. Denn wie wir sprechen und worüber wir sprechen, formt wie wir die Welt sehen und was uns wichtig ist. Das darzustellen, begeistert mich und deswegen schreibe ich für dich Beiträge über ausgewählte Worte, die in der deutschen Sprache gesprochen werden. Seit 2004 arbeite ich als Journalist. Ich habe Psychologie und Philosophie mit Schwerpunkt Sprache und Bedeutung studiert. Ich arbeite fast täglich an BedeutungOnline und erstelle laufend für dich neue Beiträge.


Gefällt dir BedeutungOnline.de? Wenn du BedeutungOnline.de nützlich findest, dann nimm dir bitte eine Minute Zeit und gib mit einer Spende etwas zurück. Schon eine kleine Spende hilft BedeutungOnline weiter für dich zubetreiben und neue Artikel zu schreiben. Mehr Infos, wie du BedeutungOnline.de unterstützen kannst, findest du hier. Danke! Melde dich für den persönlichen BedeutungOnline.de-Newsletter an. Das geht hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.