Was ist die Präzisionsernährung? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist die Präzisionsernährung, Bedeutung, Definition, Erklärung


Die Präzisionsernährung ist eine auf individuelle körperliche Bedürfnisse abgestimmte Ernährung. Sie bedeutet einen Paradigmenwechsel: In jüngster Zeit haben Ernährungswissenschaftler herausgefunden, dass wir recht unterschiedlich auf Nahrungsmittel reagieren, was genetische Ursachen hat. Das bedeutet: Nicht für jede Person sind Kohlenhydrate und Fette gleichermaßen schädlich. Es gibt daher eigentlich keine universell gültige „richtige“ Ernährung. Schauen wir uns Beispiele an.

Präzisionsernährung: Tim Spector, Herkunft, Erklärung

Tim Spector ist Genetiker am Londoner King’s College und forscht zu Ernährung. Er glaubte, sich gesund zu ernähren, indem er jahrelang dasselbe frühstückte: Schwarzbrot mit Mais und Thunfisch sowie eine Banane. Im Zuge seiner eigenen Forschung beschloss er eines Tages um 2019 herum, doch einmal die Auswirkung dieser Ernährung auf seine Blutwerte zu kontrollieren. Dabei stellte er fest, dass einige Stunden nach seinem Frühstück seine Zucker- und Fettwerte enorm angestiegen waren. Beide indizieren ein stark erhöhtes Risiko für Diabetes, Fettleibigkeit und Herzkrankheiten. Wie ist das möglich?

Die Erklärung fand der Genetiker in seiner eigenen Wissenschaft: Sein Körper verwertet die relativ geringen Zucker- und Fettanteile in seinem Frühstück so gut, dass seine diesbezüglichen Werte stark ansteigen. Bei einer anderen Person ist das durchaus nicht der Fall. Studien durch Spector & Co. belegten umgekehrt, dass manchen Menschen Eiscreme, rotes oder fettes Fleisch und Weißbrot durchaus nicht schaden, obgleich diese Lebensmittel landläufig als rundum ungesund gelten. Daher gebe es in Wahrheit keine für alle Menschen gültige gesunde Ernährung, so der Forscher. Vielmehr brauche jede Person ihren eigenen Ernährungsplan.

Das erklärt auch, weshalb die einschlägigen Ernährungsempfehlungen und Diätpläne in den letzten Jahrzehnten kaum dabei geholfen haben, Übergewicht, Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen zu stoppen. Aus solchen Forschungsergebnissen entwickelten Spector, aber auch das US-amerikanische NIH (National Institutes of Health) und weitere Wissenschaftler*innen das Konzept der Präzisionsernährung.

Viele Fragen zur gesunden Ernährung

Die Ernährungswissenschaft kann leider bis heute die vielgepriesene gesunde Ernährung nicht konkretisieren. Dabei ist diese Frage uralt, denn dass unsere Ernährung unsere Gesundheit entscheidend beeinflusst, wusste man schon in der Antike. Von Hippokrates (460 – 370 v. Chr.) soll die Aussage stammen: „Lass das Essen deine wichtigste Medizin sein!“

Die moderne Ernährungswissenschaft entstand in den 1890er-Jahren. Einer der ersten Ernährungsforscher war Wilbur Atwater, der an der Wesleyan University (Connecticut) lehrte und die erste Ernährungsrichtlinien veröffentlichte. Neben Abwechslung und mäßigem Essen empfahl er, Zucker, Fett und Stärke zu reduzieren. Darauf basieren Ernährungstipps und Diätkonzepte im Prinzip bis heute.

Erstaunlich blieb nur über diese lange Zeit, dass sie oft nicht funktionieren. Das beschäftigte auch die Wissenschaft, die Impulse für ein Umdenken nach 2010 erhielt. Ein israelisches Forscherteam untersuchte ab 2014 am Weizmann Institute of Science (Rechovot, Israel) die Wirkung von künstlichen Süßstoffen. Dabei stellten sie fest, dass Menschen auf diese sehr unterschiedlich reagieren und sie keinesfalls durch den damit verbundenen Zuckerverzicht ein Allheilmittel gegen Übergewicht und Diabetes sind. Überraschenderweise ließen nämlich die Süßstoffe bei einigen Testpersonen den Blutzuckerspiegel stark ansteigen, bei anderen hingegen gar nicht. Auch Werte zwischen diesen beiden Extremen gab es.

Das war deswegen nicht erwartet worden, weil künstliche Süßstoffe ohne Kalorien eigentlich den Blutzuckerspiegel nicht steigen lassen sollten. Auch die gemessene glykämische Reaktion sollte im Wesentlichen bei allen Menschen gleich ausfallen, wenn sie die gleichen Nahrungsmittel zu sich nehmen. Auf dieser Annahme beruht das Konzept des GI (glykämischer Index). Er misst die Umwandlung von Nahrungsmitteln in Glukose und deren Überführung in den Blutkreislauf. Die israelischen Wissenschaftler konnten durch ihre Studien nun belegen, dass jeder Körper vollkommen anders auf jedes Nahrungsmittel – darunter auch auf den vermeintlich harmlosen Süßstoff – reagiert. Dies war im Prinzip der erste Ansatz für ein neues Konzept, das später durch Wissenschaftler wie Tim Spector ausgearbeitet wurde: die Präzisionsernährung.

Was bedeutet das Konzept der Präzisionsernährung für uns?

Es bedeutet, dass wir uns viel weniger für unsere Nahrung als für die Reaktion unseres Körpers darauf interessieren müssen. Dass dieselben Lebensmittel bei verschiedenen Menschen vollkommen unterschiedliche Reaktionen auslösen können, gilt mit Stand 2022 inzwischen als belegt. Die israelischen Forscher Elinav und Segal haben seit 2014 hierzu inzwischen diverse Studien durchgeführt und sind vom Ergebnis überzeugt. Sie dokumentierten bei ihren Forschungen penibel das Alter, das Geschlecht, körperliche Merkmale, den Lebensstil, den BMI und medizinische Vorgeschichten ihrer Probanden. Sie verabreichten diesen über viele Tage exakt dieselbe Nahrung und ermittelten mit Blut-, Stuhl- und Urinproben die Blutzucker- und Fettwerte.

Selbst die körperlichen Aktivitäten und der Schlaf der Studienteilnehmer*innen wurden weitestgehend aneinander angeglichen. Das Fazit lautet: Die individuellen biologischen Eigenschaften eines Menschen sagen am besten voraus, wie dieser auf Nahrung reagiert. Das betrifft übrigens auch Diabetiker und andere Personen mit bedenklichen Erkrankungen. Bei Diabetikern, die ebenfalls an ihren Studien teilnahmen, konnten die israelischen Wissenschaftler belegen, dass einige von ihnen durchaus Schokolade, Bier oder Eiscreme konsumieren dürfen, aber keine Tomaten, damit sich ihre Blutzuckerwerte stabilisieren. Diese Ergebnisse gelten als gesichert: Das israelische Forscherteam hatte Ende 2021 insgesamt rund 50.000 Probanden untersucht. Weltweit kamen andere Forscherteam, unter anderem das von Tim Spector in London, zu ähnlichen Ergebnissen.

Wie lässt sich eine Präzisionsernährung individuell durchführen?

So weit ist die Wissenschaft mit Stand Februar 2022 leider noch nicht. Tim Spector etwa glaubt in Übereinstimmung mit den meisten seiner Fachkollegen, dass es in Zukunft möglich sein könnte, nach der Abgabe von Stuhl-, Urin- und Blutproben in einem Labor von diesem einen gesunden Ernährungsplan ausarbeiten zu lassen. Das klingt im Moment noch nicht sehr verlockend und wäre vielleicht nur eine Methode für Personen mit Adipositas, die sich so einer Untersuchung gern unterziehen möchten.

Doch es funktioniert auch – wenngleich nicht ganz so präzise – durch Versuch und Irrtum. Die meisten Menschen spüren durchaus, welche Nahrung für sie gesund ist und welche nicht. Um das etwas genauer beobachten zu können, haben die genannten Wissenschaftler, nämlich Tim Spector aus London und die israelischen Forscher, gemeinsam zwei Apps entwickelt, die nach Eingabe von persönlichen Ernährungsdaten und dem sich entwickelnden Körpergewicht und BMI Ernährungsempfehlungen liefern. Die beiden Apps heißen „The Personalized Nutrition Project“ und „Zoe“.

Inzwischen gibt es noch mehr solcher Apps. Wichtig ist zunächst für alle Personen, die sich gern gesünder ernähren möchten und/oder mit ihrem Gewicht hadern, dass sie nicht mehr glauben, bestimmte Lebensmittel seien von vornherein gesund oder ungesund. Wir sind alle verschieden – und das ist auch gut so!


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Autor: Pierre von BedeutungOnline

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