Was ist Arbaeen? (Tag von Arbaeen) – Bedeutung, Erklärung

Was ist Arbaeen, Tag von Arbaeen, Bedeutung, Erklärung


Die mythische Zahl 40 spielt im Islam eine ganz besonders hervorgehobene Rolle.

Was ist Arbaeen? (Tag von Arbaeen) – Bedeutung, Erklärung

Der arabische Ausdruck Arbaʽeen (vierzig) ist der Name für eine religiöse Feierlichkeit in der muslimischen Welt, die zum Gedenken an den Märtyrertod des Enkel Mohammeds Al-Husain ibn ʿAlī (626-680) und seiner über 70 Kampfgefährten in der Schlacht von Kerbela im späten 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung alljährlich vierzig Tage nach dem Tag von Aschura im Monat Muharram feierlich begangen wird. Die 40 Tage beziehen sich dabei auf die im Islam allgemein übliche und vorgeschriebene Dauer der Trauer nach dem Tod eines Familienmitglieds oder eines anderweitig geliebten Menschen. Für imamitische Schiiten ist Arbaʽeen eines der weltweit größten Pilgertreffen, bei dem jedes Jahr bis zu 45 Millionen Menschen in der Stadt Kerbela im Irak zusammenkommen.

Der Überlieferung zufolge hat die Zahl 40 ihre Bedeutung von einem Ausspruch („Hadith“) Mohammeds, demzufolge „am Tag des Gerichts Allah in meinem Volk denjenigen, der vierzig Hadithe auswendig gelernt hat, als einen gelehrten Mann betrachten wird.“ Ein zentraler Bestandteil der Zeremonie in Kerbela ist das Gebet „Ziyarat Arbaʽeen“, mit welchem die Gläubigen Husains Ideale bekräftigen und diesen als Erben nicht nur von Mohammed, sondern auch der Propheten Adam, Noah und Abraham sowie Moses und Jesus rühmen.

Tag von Arbaeen: In der Stadt Kerbela kam es vor gut 1.300 Jahren zu einem folgenreichen Treffen

Dieser Anweisung folgend, haben islamische Gelehrte in der Vergangenheit zahlreiche Sammlungen von vierzig Hadithen mit Zitaten des Propheten und der Imane der Schiiten zusammengetragen. Laut historischen Berichten und Dokumenten wird die Pilgerfahrt am Tag Arbaeen nach Kerbela schon seit dem Jahr 680 (61 nach dem islamischen Kalender) und damit im selben Jahr der Schlacht oder seit dem Jahr danach alljährlich veranstaltet. Der allererste Pilger soll Mohammeds Zeitgenosse Jabir ibn Abd Allah (607-697) gewesen sein, der wegen seines fortgeschrittenen Alters und seiner Gebrechen vom Iman Atiyya ibn Sa’d begleitet wurde. Vor Ort sollen beide auf die überlebenden weiblichen Mitglieder von Mohammeds Familie sowie Al-Husain ibn ʿAlīs Sohn und Erben, den Imam Ali ibn Husayn Zayn al-Abidin (659-713) getroffen sein, die sich alle zuvor in der Gefangenschaft von Yazid I., dem Kalifen der Umayyaden, in Damaskus befunden hatten. Zwar war Ali ibn Husayn Zayn al-Abidin einer der wenigen Überlebenden seiner Familie in der Schlacht von Kerbela, lebte aber noch zwanzig Jahre nach dieser in tiefer und untröstlicher Trauer und soll jedes Mal, wenn er ein Glas Wasser gesehen hat, sofort bitterlich geweint haben.

Nach Jahrzehnten des Verbots ist der Tag von Arbaeen inzwischen wieder erlaubt

Immer wieder wurde die Pilgerfahrt am Tag von Arbaeen im Lauf der Jahrhunderte und Epochen von den jeweiligen Herrschern im Irak untersagt. So etwa auch in der jüngeren Geschichte, als der Sunnit und zwischen 1979 und 2003 das Land diktatorisch regierende arabische Nationalist Saddam Hussein (1937-2006) Präsident des Irak war. Unter dessen Regime war es fast 30 Jahre lang verboten, Arbaʽeen öffentlich zu zelebrieren. Erst nach der Invasion des Landes im Dritten Golfkrieg 2003 wurde die Pilgerfahrt schließlich im April desselben Jahres wieder erlaubt. Seither stieg die Anzahl der Pilger langsam, aber stetig wieder auf 17 bis 20 Millionen an. 2016 wurden bereits ca. 22 Millionen Gläubige vor allem aus den schiitisch dominierten Regionen im Süden des Iraks wie dem Gebiet Basra, aber auch aus weiteren 40 Ländern der Welt gezählt. Während der insgesamt 20-tägigen Pilgerreise leeren sich die von Schiiten bewohnten Städte und Gemeinde nicht nur im Irak, die Pilger machen sich meist zu Fuß auf den Weg nach Kerbela. Während ihres Marsches tragen sie mehrheitlich schwarze Fahnen als Zeichen der Trauer um Imam Hussein. Für die kostenlose Verpflegung und medizinische Versorgung der Pilger stehen an sämtlichen Straßen nach Kerbela große Zelte („mawakibs“) zur Verfügung.

Was ist der Tag von Arbaeen? Bedeutung, Erklärung

Diese Teilnehmerzahlen machen Arbaʽeen zum größten alljährlichen religiösen Treffen der Welt. Zwar kommen beim hinduistischen Fest Kumbh Mela (Fest des Kruges) sogar über 30 Millionen Gläubige zusammen. Dieses Fest findet aber anders als Arbaʽeen lediglich alle paar Jahre und nicht jedes Jahr statt. Im Gegensatz zur für wohlhabende Muslims obligatorischen islamischen Pilgerfahrt „Haddsch“ nach Mekka ist Arbaʽeen freiwillig und besitzt einen weitaus spontaneren Charakter, der die Pilgerreise nach Kerbela speziell für finanziell weniger gut situierte Moslems in den letzten Jahren zur häufig gewählten Alternative zur kostspieligen Haddsch macht. Trotz des zumeist generell friedlichen und harmonischen Verlaufs sahen sich die schiitischen Pilger in der Vergangenheit auf ihrem Weg nach Kerbela schon mehrfach Anfeindungen und sogar versuchten Terroranschlägen durch sunnitische Extremisten mit Autobomben oder Raketen ausgesetzt, weswegen der Tag von Arbaeen mittlerweile unter strengen Sicherheitsvorkehrungen sowie dem Schutz von Tausenden irakischen Polizisten und Soldaten stattfindet. Glücklicherweise konnte ein für November 2015 geplanter Bombenanschlag mit als Puppen getarnten Sprengfallen in einer Versammlungshalle („Hoseiniye“) in Bagdad von den Behörden im Vorfeld verhindert werden. Während der Terrorherrschaft der salafistischen Miliz „Islamischer Staat“ (IS) über große Teile des Iraks von 2014 bis 2017 gab es noch größere Sicherheitsvorkehrungen für Arbaʽeen, weil der „IS“ Schiiten als „Ungläubige“ und „Gottesleugner“ verurteilt und deren Auslöschung propagiert.

Der interkonfessionelle Charakter macht das Treffen zum Modell für die Zukunft

Obwohl Arbaʽeen eine genuin schiitische Zusammenkunft ist, nehmen daran seit einigen Jahren auch sunnitische Muslime sowie Christen beider Glaubensbekenntnisse, iranische Zoroastrier und Sabier bzw. Alawiten teil. Mittlerweile kommen zahlreiche Pilger auch aus europäischen Ländern wie Schweden, Russland und sogar aus dem Vatikan. Ebenfalls häufig vertreten sind große Delegationen aus afrikanischen Staaten wie Ghana, Nigeria, Tansania und Senegal. In Großbritannien veranstaltet die schiitische Organisation „Husaini Islamic Trust UK“ schon seit einigen Jahren einen eigenen Tag von Arbaeen mit mehreren Tausend Gläubigen. Viele Pilger aus Westafrika und den dortigen Ländern Ghana, Tschad, Kamerun, Benin und Togo, die aufgrund der großen Entfernung nicht nach Kerbela reisen können, begeben sich stattdessen zur betreffenden Zeit des Jahres in die Stadt Zaria im nigerianischen Bundesstaat Kaduna, wo schiitische Geistliche die entsprechenden Rituale und Gebete vollführen. Besonders populär ist Arbaʽeen traditionellerweise unter den vielen Schiiten im Iran, wo der religiöse Anlass auch immer wieder für politische Zwecke genutzt wurde. So beispielsweise bei den Protesten gegen die Ermordung zahlreicher Anhänger des späteren Gründers der „Islamischen Republik Iran“ Ruhollah Musawi Chomeini (1902-1989) im Juni 1963 in der „Heiligen Stadt“ der Schiiten Ghom in der gleichnamigen Provinz im nördlichen Iran. Bis heute werten manche Experten und Kenner die damaligen Proteste und Demonstrationen im Rahmen von Arbaʽeen als eigentlichen Beginn der Revolution von 1979, mit der Schah Mohammad Reza Pahlavi gestürzt wurde.

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