Was ist der Akzelerationismus (Accelerationism)? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist der Akzelerationismus, Accelerationism, Bedeutung, Definition, Erklärung


Der Begriff Akzelerationismus bezieht sich auf Eigenschaften des wirtschaftlichen Kapitalismus. Er leitet sich vom englischen Wort «acceleration» ab, das „Beschleunigung“ bedeutet.

Was ist der Akzelerationismus (Accelerationism)? Bedeutung, Definition, Erklärung

Akzelerationismus soll ausdrücken, dass der Kapitalismus ein eigenständig ablaufender Prozess ist, der sich unaufhörlich aus sich selbst heraus beschleunigt. Einerseits breitet er sich geografisch als globalisierter Kapitalismus aus. Andererseits erfasst er alle menschlichen Lebensbereiche.

Das heißt: Er bleibt nicht allein auf die wirtschaftliche Sphäre begrenzt. Mit der Zeit vereinnahmt er ebenso die sozialen, kulturellen, politischen und technologischen Entwicklungen der Menschheit.

Oft wird der Akzelerationismus für eine eigenständige politische, philosophische oder sozialwirtschaftliche Theorie gehalten. Doch das ist nicht ganz zutreffend. Die Bedeutung des Begriffes lässt sich am besten erfassen, wenn man ihn als Beschreibung auffasst, welche strukturelle Macht der Kapitalismus hat. Aus dieser Verständnisweise ergeben sich viele Fragen. Die wichtigste lautet: Wird der Kapitalismus langfristig die sozialen und humanitären Eigenschaften der menschlichen Gesellschaften zerstören? Oder lässt sich das verhindern? Wenn ja: Wie?

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Akzelerationismus findet vor allem in Philosophie, Ökonomie, Kultur-, Medien- und Sozialwissenschaften statt. Politisch hat er Einfluss auf linke und extrem rechte Strömungen.

Zu den wichtigsten Denkern des Akzelerationismus zählen u.a. Nick Land, Nick Srnicek, Alex William, Armen Avanessian und Patricia MacCormack.

Geschichte und Ursprung: Wie ist der Akzelerationismus entstanden?

Die Entstehung des Begriffs Akzelerationismus und die daran geknüpften Auseinandersetzungen beginnen ab dem Jahr 1995. Zu diesem Zeitpunkt gründete sich in Großbritannien an der Universität von Warwick eine kulturwissenschaftliche Forschungsgruppe mit dem Namen Cybernetic Culture Research Unit (Ccru) unter der Leitung von Sadie Plant. Als Plant 1997 ihre wissenschaftliche Anstellung aufgab, übernahm ihr Kollege Nick Land die Leitung dieser nun inoffiziell bestehenden Forschungseinheit. Sie löste sich 2003 endgültig auf.

Nick Land wurde zu einer treibenden Kraft bei der Herausbildung des Akzelerationismus, indem er sich dabei auf Karl Marx, den Poststrukturalisten Gille Deleuze und den Philosophen Jean Baudrillar bezog, aber auch Einflüsse aus der Kybernetik, dem Rave und dem Okkultismus als methodische Elemente in die Forschungsgruppe einfließen ließ. Auf Nick Land beziehen sich vor allem die politisch rechten Fundamentalisten im Zusammenhang mit dem Akzelerationismus. Nick Land veröffentlichte unter anderem 2017 seine akzelerationalistische Schrift: „A quick and dirty Introduction to Accelerationism.“

Die in politisch linken Kreisen einflussreiche Strömung des Akzelerationismus stammt ebenfalls aus Großbritannien – und zwar aus London. Hier promovierte der Kanadier Nick Srnicek 2013 an der London School of Economics. Im gleichen Jahr veröffentlichte er zusammen mit Alex William das „Beschleunigungsmanifest für eine akzerlerationistische Politik“. Die Thesen in diesem Manifest werden heutzutage oft für die eigentliche Theorie und Praxis des Akzelerationismus gehalten.

Das akzelerationistische Beschleunigungsmanifest von Srnicek und William

Inhaltlich richtet sich das „Beschleunigungsmanifest für eine akzelerationistische Politik“ von Nick Srnicek und Alex William gegen eine neoliberale Wirtschaftspolitik und prangert die Finanzmärkte, aber auch die Umweltzerstörungen in Bezug auf das Weltklima an. Um den zerstörerischen Kräften des Kapitalismus entgegenzusteuern, seien mehrere Vorgehensweisen zu wählen.

Zunächst einmal müsse jeder Einzelne die unabwendbare Beschleunigung des kapitalistischen Prozesses akzeptieren. Alle Tendenzen nach Entschleunigung des Lebensstils oder Sehnsucht nach einer Arbeitswelt ohne Entfremdungserlebnisse seien letztlich sentimental. Es handele sich dabei um eine rückwärtsgewandte Sicht, die in keiner Form den kapitalistischen Prozess aufhalten dürfte.

In ähnlicher Weise gelte das auch für Gewerkschaften und andere gesellschaftliche Institutionen, die Interessen der Arbeitnehmer vertreten. Sie würden macht- und wirkungslos bleiben, solange sie ideologisch an den Konzepten des 20. Jahrhunderts festhalten. Methoden wie Streik, Demonstrationen und Proteste könnten keine langfristig einflussreichen Veränderungen erzielen.

Eine neue akzelerationistische Politik könne sich nur etablieren, wenn methodisch die Vorgehensweise der neoliberalen Kräfte nach dem 2. Weltkrieg übernommen würde.

Hier beziehen sich Srnicek und William auf die Mont-Pelerin-Gesellschaft, die es geschafft hat, ein Netzwerk aus Politik und einflussreichen Institutionen zu schaffen, um die neoliberalen Ziele in der Gesellschaft zu verbreiten. Nach diesem Vorbild müsste auch die moderne akzelerationistische Politik vorgehen.

Zitat: „Die meisten globalen Plattformen sind auf kapitalistische Sozialbeziehungen zugeschnitten, aber das ist keine unvermeidliche Notwendigkeit. Die materiellen Plattformen von Produktion, Finanzwesen, Logistik und Konsum können und müssen zu postkapitalistischen Zwecken neu programmiert und umformatiert werden.“

Srnicek und William glauben daran, dass Digitalisierung, Technologie und Finanzwelt Hand in Hand damit gehen können, die sich ebenfalls stets beschleunigenden sozialen Errungenschaften der menschlichen Kultur zu bewahren und zu erhalten.

Bedeutung: Akzelerationismus bei Nick Land und die politisch rechten Strömungen

Nick Land vertritt eine andere Position als Nick Srnicek und Alex William. Er setzt voraus, dass der Mensch mit seinen sozialen und humanitären Bestrebungen ein Hemmschuh für den Kapitalismus ist. Er widerspricht deshalb der marxistischen Theorie, dass am Ende des kapitalistischen Prozesses diese Wirtschaftsform in eine Selbstzerstörung hinein driften wird. Ganz im Gegenteil wird der Kapitalismus seiner Ansicht nach die Menschheit selbst aus seinen Prozessen aussortieren. Künstliche Intelligenz und technische Maschinen könnten ohne menschliche Beteiligung die kapitalistische Produktion aufrecht erhalten.

Diese negative Sicht zieht radikale Vertreter rechter Politik an – Neonazis, Rassisten, rechte Extremisten. Sie schlussfolgern im Wesentlichen, dass die kapitalistischen Errungenschaften in Finanzwelt, Technik und Digitalisierung ein Beweis für eine angebliche „Höherentwicklung“ der sogenannten „weißen Rasse“ seien. Diese Sicht und die zerstörerische Gewalt des Kapitalismus legitimierten dann letztendlich scheinbar die Tötung von Menschen.

Ein Beispiel für diese gewaltbereite Auslegung des Akzelerationismus ist Brenton Harrison Tarrant – der Attentäter von Christchurch. Bevor er 2019 in der neuseeländischen Moschee 51 Menschen beim Gebet erschoss, veröffentlichte er ein eigenes Manifest mit dem Titel: „Destabilization and Accelerationism: tactics“. Im Jahr 2019 erfolgten noch weitere terroristische Attentate, die auf eine gewaltbereite Auslegung des Akzelerationismus zurückgehen. Dazu gehören beispielsweise die Erschießung von 23 Menschen in einem Walmart-Supermarkt in Texas oder die Schüsse in einer kalifornischen Synagoge.

Aus diesen Gründen ist der Akzelerationismus ein Begriff, der in unterschiedlichen politischen Bewegungen eine produktive oder auch sehr gefährliche Rolle spielt.

Die beiden wichtigsten Manifeste des Akzelerationismus sind:

  • Nick Srnicek und Alex William: „Beschleunigungsmanifest für eine akzelerationistische Politik“ aus dem Jahr 2013.
  • Nick Land: „A quick and dirty introduction to Accelerationism“ aus dem Jahr 2017.

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