Was bedeutet „false balance“? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was bedeutet, false balance, Bedeutung, Definition, Erklärung


Die „false balance“ ist eine falsche Ausgewogenheit oder Gleichgewichtung von Argumenten zu einem Thema. Sie spielt vornehmlich im Wissenschaftsjournalismus eine Rolle, der auch politisch stark beachtet wird und daher auf eine ausgewogene Berichterstattung achten sollte.

Ein Beispiel wäre die unangemessen starke Darstellung von Argumenten der Leugner eines menschengemachten Klimawandels. Es gibt solche Argumente, doch sie werden von einer absoluten Minderheit (weniger als ein Prozent aller Wissenschaftler) vertreten. Ihnen also in der medialen Berichterstattung einen Raum von deutlich mehr als einem Prozent einzuräumen wäre eine „false balance“.

Effekte der „false balance“

Der wichtigste Effekt der unausgewogenen, nämlich nahezu gleichwertigen Darstellung von Minderheiten- und Konsensmeinung ist der öffentliche Eindruck, die Argumente beider Lager seien gleichwertig. Das sind sie nicht, wenn eine teilweise überwältigende Mehrheit aller Forscher zu einem einheitlichen Ergebnis kommt, das der Minderheitenmeinung widerspricht. Allerdings müssen Minderheitenmeinungen zugelassen und auch publiziert werden. Das gibt es nicht nur in der Wissenschaft, sondern beispielsweise auch vor Gericht: Hier würdigt der Richter vom Grundsatz her zunächst vier Meinungen: die beiden Meinungen der Kontrahenten, eine Mehrheitsmeinung unter den Juristen und eine Minderheitenposition.

Manchmal setzt sich auch Letztere durch, wenn sie deckungsgleich mit der Meinung eines der Kontrahenten ist, der sie sehr gut mit Argumenten unterfüttert. Das bedeutet: Minderheitenmeinungen können manchmal richtig sein, auch wenn daran momentan nur sehr wenige Menschen glauben. In der Wissenschaft verhält es sich genauso. Das von Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543) vertretene heliozentrische Weltbild, an das übrigens vor ihm schon andere Astronomen geglaubt hatten, war damals eine Minderheitenmeinung, denn nach christlicher Auffassung stand die Erde im Mittelpunkt der Welt. Dieser Meinung schlossen sich diverse Astronomen und die breite Mehrheit der Bevölkerung an, weil ja auch der Augenschein zu belegen scheint, dass sich die Sonne und andere Himmelskörper um die Erde drehen.

Die Minderheitenmeinung wurde dementsprechend unterdrückt, Giordano Bruno (1548 – 1600) landete für diese Position auf dem Scheiterhaufen (und wurde übrigens erst im Jahr 2000 durch Papst Johannes Paul II. rehabilitiert). Daraus schließen wir, dass Minderheitenmeinungen durchaus gehört werden sollen und es sträflich wäre, ihre Anhänger zu diskriminieren oder gar auf den Scheiterhaufen zu schicken – selbst wenn sie den menschengemachten Klimawandel leugnen. Nur muss die Berichterstattung zu ihren Argumenten ausgewogen ausfallen, damit keine false balance entsteht. Diese kann durchaus gefährlich sein. Menschen schätzen dann aufgrund einer verzerrten Wahrnehmung Risiken falsch ein. Dies war zum Beispiel zu Beginn der Coronapandemie der Fall. Es wurde im ersten Halbjahr 2020 noch übermäßig stark darüber diskutiert und publiziert, welchen Sinn eine Maskenpflicht hat. Die Mehrheit der Wissenschaftler war sich zwar längst darüber einig, dass besonders FFP2-Masken sehr effektiv schützen können, doch die false balance in der Berichterstattung führte bei vielen Menschen zur Maskenverweigerung wegen vermeintlicher Risiken des Maskentragens bei vermeintlicher Nutzlosigkeit der Masken.

Wie kann der Wissenschaftsjournalismus eine false balance unterbinden?

Wissenschaftsjournalisten sollten die Belege für eine Theorie genau überprüfen. Wenn diese fehlen oder sehr schwach sind, könnte die Theorie schwach sein. Des Weiteren können sie evaluieren, wer unter den anerkannten Wissenschaftlern sich welcher Meinung anschließt. Auch sind Argumentationsketten von Vertretern einer Meinung interessant.

Wer eine Position als „wissenschaftlich“ darstellt, aber wenig bis keine wissenschaftlichen Nachweise vorweisen kann und sogar Informationen unberücksichtigt lässt, die seine Meinung widerlegen, ist offenkundig auf dem Holzweg. Diese Evaluation von Wissenschaftsjournalisten ist vor allem dann wichtig, wenn eine Meinung neu auftaucht und sich die Wissenschaftswelt bislang wenig dazu positioniert hat. Es ist dann noch nicht feststellbar, dass es sich um eine Minderheitenmeinung handelt. Da bislang wenig dazu publiziert wurde, ist auch noch keine false balance festzustellen.

Die Journalist*innen können sich also noch nicht an mehrheitlichen Meinungen orientieren. Beim Klimawandel ist das mit Stand 2021 sehr viel einfacher: Nach einschlägigen Untersuchungen (Sichtung von Publikationen zum Thema) glauben ~99 % aller Wissenschaftler, dass die Industrialisierung seit dem 19. Jahrhundert unseren gegenwärtigen Klimawandel verursacht hat und noch verursacht. Wer also eine haltlose Gegenthese als plausibel präsentiert, muss mit viel Gegenwind rechnen. Sollte aber dieser These zu viel Raum in der öffentlichen Berichterstattung gegeben werden, wäre dies eine false balance. Es genügt für die ausgewogene Darstellung, die These als „Gut-zu-wissen-Information“ am Rande zu erwähnen. Dass es zu einer false balance im Wissenschaftsjournalismus kommt, hat zwei Gründe:

  • #1 Die Journalisten kennen natürlich das oben zitierte Beispiel von Kopernikus und Giordano Bruno. Es gibt diverse weitere solcher Geschichten aus der Wissenschaftsgeschichte. Sie möchten daher nicht als Unterdrücker einer Minderheitenposition dastehen, die sich möglicherweise irgendwann einmal als richtig erweist.
  • #2 Manche Minderheitenpositionen sind auf den ersten Blick so spannend, dass sie auch von seriösen Journalisten gern zitiert werden – vor allem dann, wenn diese Berichterstattung eigentlich keinen Schaden anrichtet, sondern eher dem Infotainment dient. Berichte über UFO-Sichtungen fallen möglicherweise in diese Kategorie. Die Allgemeinheit findet es sehr interessant, dass vielleicht Aliens unter uns wandeln oder uns von einem benachbarten Sonnensystem aus beobachten. Die seriöse Wissenschaft hält das für extrem unwahrscheinlich, doch was macht es schon, darüber zu berichten?

Gibt es eine false balance auch bei anderen Themen?

Der Begriff wird nur für Fachthemen und speziell für den Wissenschaftsjournalismus verwendet. Bei der politischen Berichtserstattung ist es hingegen sinnvoll, gegensätzliche Meinungen durchaus gleichwertig darzustellen. Das wird auch so praktiziert, wie wir aus diversen Talkshows wissen. Dort wird sogar penibel darauf geachtet, den Kontrahenten die annähernd gleiche Redezeit einzuräumen, selbst wenn einer von ihnen eine (absolute) Minderheitenposition vertritt. Die Öffentlichkeit muss das aushalten, auch wenn dadurch Vertreter extremer Positionen zu Wort kommen. Solange diese Vertreter legal handeln und sogar in den Bundestag gewählt wurden, haben sie ein Anrecht darauf, gehört zu werden. In der Wissenschaftswelt hingegen, die mit Studien und handfesten Nachweisen operiert, ist es legitim, der Mehrheitsposition auch mehr Platz für die Darstellung zu geben, damit keine false balance entsteht.

Beispiele für false balance und ihre Folgen

Die Tabakindustrie leugnete bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens. Es gab zwar schon vor mindestens 100 Jahren Studien, die solche Gefahren aufzeigten, doch es gab auch immer Gegenstudien. Die Lobbyisten der Tabakindustrie schafften es, Gegenargumente („Rauchen ist nicht oder nur sehr wenig schädlich“) so aufzubauschen, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild von den Gesundheitsgefahren entstand und bis heute Tabakrauchen erlaubt ist.

Eigentlich müsste es wie viele andere Drogen verboten werden. Die Tabaklobbyisten nutzten den Wunsch der Wissenschaftsjournalisten nach einer ausgewogenen Berichterstattung aus und ließen dadurch eine gefährliche false balance entstehen. Auch dass Journalisten gern Kontroversen aufgreifen, spielte dieser false balance in die Hände. Im Jahr 2021 gibt es im Grunde keine Kontroverse mehr dazu: Tabakrauchen ist schädlich und Punkt, niemand widerspricht mehr. Bis zu dieser Einsicht vergingen viele Jahrhunderte mit vielen Millionen Tabaktoten.

Ein jüngeres Beispiel für false balance liefern die Kontroversen um den menschengemachten Klimawandel. Diese false balance ist gut untersucht. So berichteten zwischen den 1980er-bis frühen 2000er-Jahren zumindest US-Medien so „ausgewogen“ zum Thema, dass die Öffentlichkeit zweifeln musste, ob nun der Mensch oder andere Einflüsse den Klimawandel auslösen. Rund 53 % aller Zeitungsartikel jener Zeit gaben beiden Meinungen in etwa gleich viel Raum: Menschen verursachen den Klimawandel, oder sie tun es nicht. Das wirkte bis zur Präsidentschaft von Donald Trump ab 2016 nach, der sich immer noch auf Argumente der Leugner eines menschengemachten Klimawandels stützte, um die einheimische Kohleindustrie nicht zu gefährden.

Bis in die frühen 2000er-Jahre betonten 35 % aller Artikel in US-Medien, dass die Erderwärmung eindeutig vom Menschen kommt, ließen aber die Gegenthese von den natürlichen Ursachen ebenso gelten, wenn auch mit weniger Raum. Lediglich 6 % der Artikel publizierten den schon damals vorherrschenden wissenschaftlichen Konsens, dass wir Menschen unser Klima beschädigen. Die false balance zu diesem Thema nahm übrigens zwischen den frühen 1980er- und den späten 1990er-Jahren nicht ab, sondern zu: Es setzten gezielte Desinformationskampagnen einer organisierten Klimaleugnerszene ein, die vermutlich durch die Kohle- und Autolobby gesponsort wurde. Also stellten die Wissenschaftsjournalisten vermehrt die Argumente beider Seiten dar, was zu jener Zeit schon eine extreme false balance bedeutete.


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Autor: Pierre von BedeutungOnline

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