Was ist Lateral Violence? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist Lateral Violence, Bedeutung, Definition, Erklärung


Unter Lateral Violence bezeichnen Psychologen und Soziologen das Verhalten, dass sich Menschen, die gesellschaftlich benachteiligt und einer Unterdrückung ausgesetzt sind, selbst gegeneinander wenden. Bis heute wird in unterschiedlichen Studien und sozialpsychologischen Forschungsvorhaben in Erfahrung gebracht, wie sich Lateral Violence im gesellschaftlichen Alltag explizit äußert und welche Gründe diesem Verhalten zuzuschreiben sind.

Was ist Lateral Violence? Bedeutung, Definition, Erklärung

Das Phänomen der Lateral Violence beschreibt, dass Menschen, die als gesellschaftlich diskriminiert gelten und unterdrückt werden, die unterdrückenden Verhaltensweisen und die erfahrene Diskriminierung in ihren eigenen Verhaltensweisen reproduzieren.

Zu diesen negativen Verhaltensweisen zählen beispielsweise Rassismus, Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung sowie Sexismus. Auch Mobbing als alltägliches Verhalten in Schulen und Bildungseinrichtungen wird immer wieder als reproduziertes, diskriminierendes Verhalten im Rahmen des Lateral Violence beschrieben.

Bei der Lateral Violence geht es um die eigene Aufwertung durch die Diskriminierung anderer Menschen, zumeist im unmittelbaren Umkreis.

Die von den betroffenen Personen praktizierte Lateral Violence führt zu einer Selbstaufwertung der eigenen Person oder des eigenen Personenkreises, indem die der Lateral Violence ausgesetzten Personen die ihnen selbst widerfahrenen Vorurteile und diskriminierenden Verhaltensweise auf andere Personen übertragen.

Dabei werden die negativen Verhaltensweisen auf solche Personen übertragen, die qua causa unter den identischen Diskriminierungen und Einschränkungen leiden wie die eigene Person, die die Lateral Violence zur Aufwertung der eigenen Persönlichkeit praktiziert. Die Verankerung der diskriminierenden Muster und Verhaltensweisen geschehen dabei in der Regel unterbewusst.

Wie sieht Lateral Violence im Alltag aus?

Für das Phänomen der Lateral Violence gibt es zahlreiche Beispiele aus dem Alltag. Lateral Violence kann beispielsweise von homosexuellen Männern gegen andere homosexuell orientierte Männer gerichtet werden, die ihre Weiblichkeit bewusst zur Schau stellen.

Lateral Violence wurde außerdem im Rahmen der Flüchtlingskrise im Jahre 2015 in zahlreichen Personenkreisen beobachtet. So richteten beispielsweise vermehrt Personen, die ebenfalls einen Migrationshintergrund aufweisen, aber schon länger in der deutschen Gesellschaft integriert waren, ihren Hass und Vorurteile in der Hochphase der Migrationskrise gegen die nun neu Asylsuchenden.

Auslöser war wohl die Sorge vor einer weiteren Benachteiligung des eigenen Personenkreises durch den Zuzug neuer Migranten, die potenziell im Direktvergleich zur eigenen Bevölkerungsgruppe bevorteilt werden könnten.

Lateral Violence wird außerdem im Zusammenhang mit Sexismus beobachtet. Besonders Frauen, die sexistischen Vorurteilen ausgesetzt sind, neigen dazu, ähnliche Vorurteile auf Geschlechtsgenossinnen zu übertragen, die sexuell aktiver als sie selbst bzw. beruflich erfolgreicher und selbstbewusster sind. Laterial Violence wird in diesem Fall durch eine bewusste Abwertung der Frauen sichtbar.

Lateral Violence ist auch im Bereich des Mobbings in der Schule sichtbar: Schülerinnen und Schüler, die offensichtlich von einer ihnen stärker und einflussreicher erscheinenden Schülergruppe gemobbt werden, übernehmen die Verhaltensweisen und betreiben selbst Mobbing gegen andere benachteiligte Schüler. Der Aufmerksamkeitsfokus wird somit von der eigenen Person abgelenkt und das eigene Ansehen bzw. der eigene Status im Klassenverband durch einen Perspektivwechsel gestärkt.

Was möchten Menschen mit Lateral Violence bewirken?

Hinter dem Phänomen der Lateral Violence, die primär ein unbewusst praktiziertes Verhalten von selbst Benachteiligten ist, steht die allgemeine Vorstellung und das Wissen um die Auswirkung eines gesellschaftlichen Anpassungsprozesses auf die soziologische Anerkennung von eigenen Persönlichkeitsmerkmalen.

Das bedeutet: Menschen, die der Lateral Violence ausgesetzt sind, erfahren sehr früh, dass die Anpassung an einen offenbar gesellschaftlich akzeptierten und geltenden Normalitätskonsenz zu langfristigen Vorteilen und zu einer Aufwertung des eigenen sozialen Status führen kann.


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Werden somit abwertende Einstellungen und Muster aus dem Verhalten des gesellschaftlichen Umfeldes übernommen und eigens praktiziert, geschieht implizit eine Besserstellung der eigenen Person und des eigenen Status durch die Abwertung anderer.

Beobachtbar ist dies besonders in stark geschlechterhomogenen Berufsumfeldern: Immer wieder haben Soziologen und Psychologen beobachtet, dass Frauen in männlich geprägten Berufsumfeldern andere Frauen im Beisein der männlichen Kollegen abwerten.

Dieses Verhalten führt zum einen zu einer Stärkung der eigenen sozialen Stellung im Berufsumfeld, indem den männlichen Kollegen solidarisches Verhalten entgegengebracht wird, das wiederum mit einer Anerkennung der eigenen Person verbunden ist.

Zum anderen werten sich die betroffenen Frauen im Beisein der männlichen Kollegen im direkten Vergleich zu weiteren weiblichen Kollegen auf und stellen sich als besser dar. Letztlich bleibt aber allen Betroffenen dabei zunächst verborgen, dass derartiges Verhalten zur Verankerung der negativen Verhaltensmuster und bereits etablierten Vorurteile beiträgt und soziale Ungleichheiten verstärkt. Gewissermaßen wirken Personen, die Lateral Violence betreiben, also gewissermaßen an ihrer eigenen Unterdrückung mit.

Wo liegen die Ursachen für Lateral Violence?

Die Ursachen für Lateral Violence sind vielschichtig und bisweilen noch nicht in ihrer Gänze erforscht. Fest steht: Erste Verhaltensweisen, die der Lateral Violence zuzuschreiben sind, sind bereits aus der postkolonialen Epoche bekannt. Auch hier ging es bereits um Unterdrückung, die primär von den Kolonisierenden ausging. Die Kolonisierten lernten schnell, dass eine Adaptierung des Verhaltens der Besatzer zu einer Aufwertung des eigenen Status führte.

Somit liegen die Gründe für Lateral Violence stets in den materiellen Umständen und den geltenden Vorstellungen einer gesellschaftlich akzeptierten Normalität. Auslöser sind Ungleichheitsverhältnisse, die in der Realität und den öffentlichen Berichterstattungen aber oft verzerrt dargestellt werden.

Autor: Pierre von BedeutungOnline

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