Was ist Kuschelpädagogik? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist Kuschelpädagogik, Bedeutung, Definition, Erklärung


Kuschelpädagogik ist ein negativ konnotiertes Schlagwort im Bildungsdiskurs des gesamten deutschsprachigen Raumes. Kritiker bezeichnen damit eine schulische Erziehung, bei der die Leistungsorientiertheit fast völlig zurückgestellt wird. Stattdessen gehen Pädagogen und Eltern übertrieben stark auf die vermeintlichen Bedürfnisse von Kindern ein.

Was ist Kuschelpädagogik? Bedeutung, Definition, Erklärung

Die Anhänger dieser Art von Pädagogik bezeichnen sie nicht so. Sie verwenden den positiv besetzen Begriff der Reformpädagogik und gelegentlich (noch) der antiautoritären Erziehung, obgleich diese inzwischen als obsolet (überholt, hinfällig) gilt. Kuschelpädagogik ist ein Begriff von eher wertkonservativen Lehrkräften,
Politikern und Journalisten. Der Pädagoge Josef Kraus war 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, er kritisierte oft die „Kuschelpädagogik“. Sie mache es den Schülern allzu leicht, an gute Noten zu gelangen. Nachdem die PISA-Studien ab 2000 belegten, dass deutsche Schülerinnen und Schüler auf einigen Feldern im internationalen Vergleich relativ schwach abschneiden, entbrannte erneut ein Streit um die Kuschelpädagogik, die nach Meinung ihrer Kritiker ursächlich für die Leistungsdefizite sein soll. Auch bei der Auseinandersetzung um die richtige Haltung gegenüber verhaltensauffälligen Schülern, aus denen oft jugendliche Kriminelle werden, spielt diese Diskussion eine Rolle.

Wie funktioniert Kuschelpädagogik?

Verkürzt dargestellt erleben Kinder und Jugendliche bei dieser Art von Pädagogik niemals, dass ihnen jemand unerbittlich ihre Grenzen aufzeigt. Dieses Aufzeigen von Grenzen muss nach der Auffassung der klassischen Pädagogik nicht mit Gewalt, aber mit absoluter Konsequenz erfolgen. Das bedeutet: Wenn ein Kind eine durchdachte, sinnvolle Anweisung nicht befolgt, sollte der Erziehende eine Sanktion ankündigen und diese dann auch umsetzen. Das kann Fernseh- oder Computerverbot sein. Es muss keine harte Strafmaßnahme sein. Vielmehr genügt es, dem Kind zu beweisen, dass die Konsequenz unweigerlich erfolgt. Ein Kuschelpädagoge nimmt stattdessen das Kind in den Arm und redet ihm gütig zu (daher der Ausdruck, es wird real gekuschelt). Wenn das Kind bei seinem Willen bleibt, gibt der Kuschelpädagoge nach.

Kritik an den Kritikern

Der Zürcher Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers kritisiert den Begriff und belegt, dass es ein Kampfbegriff ist. Dieser werde von denjenigen Konservativen benutzt, die affektiv gegen die antiautoritäre Erziehung und die Reformpädagogik eingestellt sind. Diesen Kritikern gehe es laut Oelkers allein um mehr Disziplin, die ihnen als Königsweg erscheine. Daraus leitet Oelkers eine nicht mehr nur konservative, sondern tendenziell politisch rechtsgerichtete Haltung ab.

Kritik am Versagen der Kuschelpädagogik

Der Kinder- und Familientherapeut Wolfgang Bergmann belegt, dass der schulische Umgangston der Kuschelpädagogik von exzessivem Harmoniestreben bestimmt wird und daher zum Versagen jeglicher Erziehungsbemühungen führt, weil es im Leben eher Konflikte als Harmonie gibt. Letztere ist prinzipiell ein illusionärer Ausnahmezustand, während in Wahrheit Menschen grundsätzlich eigene und damit vielfach gegensätzliche Interessen verfolgen. Wenn das Kind erlebt, dass alles auf Harmonie hinauslaufen soll, findet es keinen Rahmen und keine Richtung mehr. Zudem werden ihm auch härtere Konflikterfahrungen verwehrt, die es laut Bergmann aber benötigt. Gerade Jungen müssen sich gelegentlich raufen, so der Psychologe. Sie erleben dabei, was körperliche Gewalt für Folgen hat. Da sie rein physisch bis zum Alter von etwa zehn Jahren kaum in der Lage sind, jemanden ernsthaft zu verletzen, solle man ihnen diese Erfahrung zugestehen – nötigenfalls unter stillschweigender Beobachtung des Pädagogen, der schlimmstenfalls eingreifen kann.

„Kuschelpädagogik“ als Kampfbegriff gegen antiautoritäre Erziehung

Die Kritiker der Kuschelpädagogik wenden sich vor allem vehement gegen die antiautoritäre Erziehung, die zwar ihre Blüte in den frühen 1970er-Jahren hatte, aber in den Köpfen einiger Eltern und Lehrer nach wie vor verankert ist. Bei diesem Konzept (eigentlich einer Gruppe von mehreren Erziehungskonzepten) begründete man umfassend und auch sehr theoretisch, dass Autorität in der Erziehung nichts zu suchen hat. Die Philosophie hatte Fundamente. Es gehörten dazu

  • der Freudomarxismus (Mischung von Psychoanalyse nach Sigmund Freud mit Marxismus),
  • die Reformpädagogik (siehe weiter unten) sowie
  • die antikapitalistische Kritik der Reformpädagogik, vertreten vor allem durch Siegfried Bernfeld.

Die antiautoritäre Erziehung räumte dem Kind weitgehende Autonomie und Rechte wie jedem Erwachsenen ein. Einige dieser Intentionen haben die letzten Jahrzehnte überdauert. So gibt es Schulen mit großen Mitspracherechten der Schülerinnen und Schüler, den anerkannten und inzwischen auch gesetzlich verankerten Verzicht auf körperliche Gewalt in der Erziehung sowie den Führerschein für begleitete Minderjährige. Allerdings ging die antiautoritäre Erziehung in ihrer Reinform viel weiter. Die Kinder durften machen, was sie wollen. Das kann nicht funktionieren und dient auch nicht der Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Reife Persönlichkeiten müssen vielmehr einen gangbaren Lebens- und Handlungsweg innerhalb von objektiven Zwängen, sozialen Spielregeln und gesetzlichen Normen finden. Wenn es keine Autorität mehr gibt, darf auch jedermann betrunken über die rote Ampel fahren und dabei jemanden umbringen. Zudem muss niemand mehr arbeiten. Die antiautoritäre Erziehung ging auch im privaten Bereich sehr weit: Kinder sollten nicht mehr streng zur Reinlichkeit und Ordnung erzogen werden. Sie sollten darüber hinaus ihre vermeintlich vorhandene Sexualität ausleben dürfen, und zwar auch mit Erwachsenen. Dieser Ansatz zog dann auch Pädophile an. Er ist ein weiterer Grund für die Bezeichnung als „Kuschelpädagogik“, die in diesem Kontext als anstößig bis kriminell empfunden wurde.

„Kuschelpädagogik“ als Kampfbegriff gegen die Reformpädagogik

Die Reformpädagogik wollte die überstrenge, mit physischer Gewalt verbundene Erziehung seit dem späten 19. Jahrhundert überwinden und berief sich dabei auf historische Vorbilder wie Comenius (1592 – 1670), Rousseau (1712 – 1778) und Pestalozzi (1746 – 1827), welche die Pädagogik vom Kind aus dachten. Um den Ansatz zu verstehen, muss man die Erziehung der letzten 500 Jahre im ökonomischen Kontext verstehen. In Bauern- und Handwerkerfamilien des Spätmittelalters ging es eher darum, den Nachkommen das Überleben zu sichern und sie im Übrigen für die Arbeit einzuspannen. Niemand außer den Adligen und später den vermögenden Bürgerlichen dachte über Erziehung nach. Der Alltag wurde durch äußere Zwänge bestimmt, allerdings teilten die Menschen der unteren Schichten ihre Zeit selbst nach Gutdünken ein: Familien bildeten eine eigene wirtschaftliche Einheit, der niemand den Tagesablauf vorschrieb. Das änderte sich mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Väter und manchmal auch Mütter mussten pünktlich in der Fabrik erscheinen, Kinder pünktlich in die inzwischen eingeführte verpflichtende Schule gehen. Das erzwang harte Disziplin, die sich in einer harten Erziehung niederschlug (im wahrsten Sinne des Wortes). Daher setzten auch schon in den 1860er-Jahren die ersten Bemühungen von Reformpädagogen ein, doch einmal das Kindeswohl zu betrachten. Sie fanden dabei die oben genannten Vorbilder seit dem Barock, die allerdings eher über die Erziehung von Kindern aus gehobenen Schichten reflektiert hatten. Im frühen 20. Jahrhundert dann wurde die Erziehung ein Streitthema zwischen sehr rechts und sehr liberal gesinnten Pädagogen. Die Rechten griffen hart die Reformpädagogik an, deren Vertreter im Dritten Reich teilweise emigrierten, die Liberalen reagierten teilweise nach dem Krieg mit der Überbetonung der kindlichen Rechte, was ihnen den Vorwurf der Kuschelpädagogik eintrug. Dieser Vorwurf ist gegenüber dem an sich sinnvollen Ansatz der Reformpädagogik nicht haltbar.

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