Was ist die Vierte Wand / Fourth Wall? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist die Vierte Wand, Fourth Wall, Bedeutung, Definition, Erklärung


In Theater, Film, Opern und vergleichbaren darstellenden Erzählungen bezeichnet die vierte Wand – im Englischen Fourth Wall – die unsichtbare Wand zwischen Performance und Publikum. Der Begriff leitet sich vom Aufbau der Bühne beim Theater ab: ist die Bühne traditionell hinten und je an den Seiten durch eine Wand abgegrenzt, bleibt die vordere Verbindung von Bühne zu Publikum offen. Diese vierte Wand bildet damit eine imaginäre Wand, die jedoch eine erzählerische Funktion hat. So wenden sich die Performer in Theater, Musical, Oper – aber auch in Film und Fernsehen – üblicherweise nicht direkt an das Publikum. Das Publikum ist damit durch eine vierte Wand von der Performance getrennt. Eine Ausnahme bildet das Brechen der vierten Wand (Breaking the Fourth Wall), welche mit den Konventionen von Theater und co. spielt.

Was ist die Vierte Wand / Fourth Wall? Bedeutung, Definition, Erklärung

Dem Publikum in einer Erzählung kommt traditionellerweise die Rolle des unbeteiligten Beobachters zu. So schaut der Theaterbesucher das Theater, ohne direkt angesprochen zu werden. Im Film sprechen die Figuren typischerweise nicht mit dem Zuschauer. Und selbst im Roman bleibt der Leser ein passiver Beobachter der Erzählwelt. Daher lässt sich sagen: Es befindet sich eine vierte Wand zwischen Erzählung und dem Rezipienten der Erzählung. Diese Erzählkonvention soll unter anderem dafür sorgen, dass die Immersion der Erzählung und die Integrität der Erzählwelt aufrechterhalten wird. Wird der Zuschauer oder Leser regelmäßig angesprochen, besteht die Gefahr, ihn aus der Erzählung herauszureißen. Die Erzählwelt kann so brüchig und wenig glaubhaft wirken.

Dennoch hat sich in den verschiedenen Kunstformen eine Technik entwickelt, die sich Breaking the Fourth Wall – die vierte Wand brechen – nennt. In besonderen Momenten, ob für die komödiantische Wirkung oder bei einem sozialpolitischen Kommentar, kann es eine besondere Wirkung entfalten, wenn die Existenz des Publikums anerkannt und es angesprochen wird. Dieses Brechen der vierten Wand wird – wenn überhaupt – typischweise jedoch nur punktuell eingesetzt. Es ist ein legitimes Stilmittel der Erzählkunst, das jedoch nur in speziellen Momenten funktioniert.

Die Wurzeln der vierten Wand in der Antike

Tatsächlich war das Überschreiten der vierten Wand in der Antike üblicher als heute. Das klassische Beispiel ist der Chor in der griechischen Tragödie, der zwischen Bühnenmoment und zuschauendem Publikum vermittelt und eine Verbindung herstellt. Doch je mehr sich das Theater über die Jahrhunderte entwickelte, desto mehr wurde die Bedeutung der vierten Wand für die Integrität der Erzählwelt entdeckt.

Gerade das klassiche Drama der Neuzeit (darunter das geschlossene Drama), das sich sehr an die aristotelischen Konventionen hält, etablierte mehr und mehr die fundamentale Funktion der vierten Wand als trennendes Element. Beispielsweise wendete sich der französische Dichter und Erzähltheoretiker Denis Diderot im 18. Jahrhundert gegen die ursprüngliche Methode, das Publikum direkt anzusprechen. Stattdessen solle man sich eine Mauer bzw. Wand zwischen Publikum und Bühne vorstellen, so Diderot. Je mehr Regeln das Theater aufbaute, desto fundamentaler wurde die Bedeutung der vierten Wand. Diese trug sich auch in andere Kunstformen hinein – ob Oper, Musical oder vergleichbare Bühnenkunst. Erst mit den moderneren Bewegungen des Theaters wurde das Brechen der vierten Wand zu einem bewussten Stilmittel, um die Konventionen einer Performance oder Erzählung zugunsten eines besonderen Momentes zu brechen.

Damit unterscheidet sich das Brechen der vierten Wand in der heutigen Zeit deutlich von dem der Antike. Während es damals ein wenig hinterfragtes und etabliertes Stilmittel fast jeder Performance war, ist es heute zu einem bewussten Moment geworden, mit den Konventionen der Erzählung oder Performance zu brechen.

Die vierte Wand in Film und Fernsehen

Während die Bedeutung der vierten Wand ihre Wurzeln im Theater hat, spielt sie heute auch eine Rolle in Medien, bei denen man erst nicht daran denkt. Obwohl sich die Literatur durch ihre Prosa deutlich von der dargestellten Performance unterscheidet, herrscht auch hier meist eine imaginäre Trennlinie zwischen Leser und Erzählwelt. Auch im Comic spielt die vierte Wand eine ähnliche Rolle. Die vierte Wand ist heute als eine verbreitete Erzählkonvention über verschiedene Medien hinweg etabliert.

Auch in Film und Fernsehen ist es üblich, dass die Kamera eine beobachtende Position einnimmt. Die Darsteller schauen in der großen Mehrheit der Filme und der Serien nicht in die Kamera und bleiben in ihrer Erzählwelt, die den Zuschauer zum reinen Beobachter werden lässt. Aufgebrochen wird diese imaginäre Wand hingegen dann, wenn der Schauspieler die Zuschauer namentlich erwähnt oder direkt in die Kamera schaut. Bereits in den frühen Jahren des Kinos waren die Filme des komischen Duos Laurel und Hardy für den direkten Blick ins Publikum bekannt. Auch Woody Allen sorgte in seinen Kunstfilmen ab den 70er Jahren für das regelmäßige Durchbrechen der künstlichen Barriere – darunter das oscarprämierte Werk Der Stadtneurotiker (1977). In seinem Film The Purple Rose of Cairo (1985) wird das Durchbrechen der vierten Wand gar zu einem zentralen Plotpunkt. Daneben beweisen die Werke von Monty Python, dass speziell in der Komödie die vierte Wand gerne für einen humorvollen Moment durchbrochen wird. In solchen Szenen wird das Komische dieses unüblichen Moments gefeiert. Doch auch, wenn es darum geht, Sympathie im Publikum zu angeln, einen direkten Draht persönlich zwischen Figur und Publikum aufzubauen oder eine sozialpolitische oder moralische These zu verbreiten, kann der Bruch der vierten Wand eine nützliche Methode sein, die Erzählung unkonventionell zu bereichern.

Autor: Pierre von BedeutungOnline

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