Was bedeutet “Wohlstandsverlust”? Was ist das? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was bedeutet Wohlstandsverlust, Was ist das, Bedeutung, Definition, Erklärung


Ein Wohlstandsverlust ist die objektiv messbare Verarmung der Bevölkerung durch einen nachlassenden Kaufkraftindex. Die Ursachen hierfür sind:

  • Inflation
  • sinkende Reallöhne oder (häufiger) stagnierende Reallöhne bei gleichzeitiger Inflation
  • Verknappung und damit signifikante Verteuerung von Gütern

Ein Indikator für den Wohlstand der Bevölkerung ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Fachleute verweisen allerdings darauf, dass immaterielle Werte wie beispielsweise das Gefühl von Sicherheit ebenfalls den gefühlten Wohlstand beeinflussen. In der ökonomischen Theorie spielt dies jedoch bislang keine Rolle.

Wohlstandsverlust und Inflation

Die genaue Bestimmung der Inflation ist schwierig. Offiziell veröffentlichte Zahlen stammen (in Deutschland) vom Statistischen Bundesamt, das hierfür einen Warenkorb zusammenstellt, der den Haushalt einer Durchschnittsfamilie widerspiegeln soll. Diese Zusammenstellung ist allerdings willkürlich. In den letzten Jahren hat sich das Konsumverhalten der Bürger*innen derart diversifiziert, dass Fachleute die Objektivität dieses Warenkorbs inzwischen anzweifeln. Ein einfaches Beispiel liefern die Preise für Kraftstoffe: Pendler sind von den Preissteigerungen überdurchschnittlich stark betroffen, Radfahrer ohne eigenes Kraftfahrzeug überhaupt nicht. Wie sehr sich Messwerte für die Inflation unterscheiden können, zeigt der Vergleich mit anderen Indizes wie dem angelsächsischen Consumer Price Index, der auf anderen Daten als der in Deutschland gemessenen Inflationsrate basiert. Ein Vergleich aus dem Jahr 2008 zeigt die gravierenden Unterschiede in der Messung auf:

  • Das Statistische Bundesamt Deutschlands vermeldete in jenem Jahr eine Inflationsrate von 2,567 %.
  • CNBC vermeldete nach Berechnungen US-amerikanischer Fachleute einen deutschen CPI von 8,1 %.

Diese Beispiel zeigt, dass eine handfeste Messung der Inflation und damit des Wohlstandsverlustes sehr schwer sein dürfte. Es gibt auch eine Erklärung für diese Schwierigkeit: Der Warenkorb unterliegt einer hedonischen Gewichtung, also der Bewertung einzelner Güter nach ihrer „Freude“ (ἡ ἡδονή [hē hēdonē] = „Lust“ oder „Freude“) für die Verbraucher*innen. Einzelne Güter unterliegen damit unabhängig von ihrem tatsächlichen Preis und ihren Preissteigerungen einer unterschiedlichen Bewertung. Ein anschauliches Beispiel hierfür wäre: Bei sehr stark gestiegenen Kraftstoffpreisen kann sich ein passionierter Sportwagenfahrer seine lustvollen Spazierfahrten nicht mehr leisten und empfindet dies als krassen Wohlstandsverlust. Möglicherweise kommt noch ein Sonntagsfahrverbot hinzu, das seit März 2022 in Deutschland diskutiert wird. Für den Sportwagenfahrer ist das ein unglaublicher Einbruch seines Wohlstandes. Der Radfahrer hingegen fährt nun sonntags auf der Autobahn spazieren und genießt diesen signifikanten Zuwachs an Wohlstand.

Wohlstandsverlust im April 2022: Erklärung

Seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges und der Diskussion um ein Energieembargo gegen Russland schlagen deutsche Politiker, aber auch Ökonomen Alarm: Sie befürchten einen massiven Wohlstandsverlust in Deutschland, der möglicherweise sogar zu sozialen Unruhen führen könnte. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) macht sich um die einheimische Wirtschaftsentwicklung „ernsthafte Sorgen“ und warnt vor dem wahrscheinlichen „Wohlstandsverlust“, weil er aus den Zahlen seines Ministeriums weiß, dass der deutsche Staat die Folgen der Inflation nicht komplett auffangen kann. Diese lag im März 2022 bei 7,3 bis 7,6 % (nach unterschiedlichen Angaben) und mithin so hoch wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr. Als Hauptursachen benennt Lindner den Krieg in der Ukraine und die dadurch steigenden Energiekosten. Deutschland kann ausbleibende Öl- und Kohlelieferungen aus Russland zwar kompensieren, muss dafür aber mehr bezahlen. Das russische Gas lässt sich mit Stand April 2022 nicht komplett kompensieren. Die Entwicklung ist noch längst nicht an ihrem bitteren Ende angelangt: Der Finanzminister befürchtet ernsthaft eine Stagflation. Dies ist ein wirtschaftlicher Stillstand bei gleichzeitiger Inflation und damit ein Schreckgespenst von Ökonomen. Es steigen aktuell auch die Lebensmittelpreise, weil die Produzenten und Lieferanten a) auf Energie angewiesen sind und b) unter anderem die Ukraine als größter europäischer Weizen- und Ölexporteur komplett auszufallen droht. Sogar die Discounter erhöhen ihre Preise für Grundnahrungsmittel und rationieren das Öl. Dies gilt als Alarmsignal.

Prognosen des Sachverständigenrates

Der deutsche Sachverständigenrat erwartet einen handfesten Konjunktureinbruch, der auch bis zu einer Rezession reichen könnte. Vorläufig hat er Ende März 2022 seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr mehr als halbiert: Im November 2021 waren die Professoren noch von einem BIP-Wachstum in 2022 von 4,6 % ausgegangen, nunmehr (Stand Anfang April 2022) sollen es nur noch höchstens 1,8 % sein. Das wäre angesichts des erwarteten Aufschwungs nach dem Auslaufen der Coronamaßnahmen wirklich dürftig. Dennoch gilt mit dem Fortschreiten des Krieges auch dieses Szenario noch als optimistisch. Die Rezession ist eher wahrscheinlich, wenn es zu einem kompletten Energieembargo gegen Russland kommt. Dieses wiederum wird sehr heftig diskutiert. Die Stimmen der Befürworter mehren sich angesichts der russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine. Es ist zwar kein Weltuntergang, wenn eine Volkswirtschaft für ein Jahr in eine kleine Rezession von 1,0 bis 2,5 % rutscht, doch aktuell sind die Fachleute mehr als beunruhigt. Stefan Kooths verweist als Vizepräsident des IfW (Kieler Institut für Weltwirtschaft) auf den signifikanten Rückgang des Wachstums seit Kriegsausbruch, Torsten Schmidt berechnet als Experte des Essener RWI (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung) eine 90%ige Wahrscheinlichkeit für eine Rezession schon im ersten Halbjahr 2022. Diesem „verschlechterten Ausblick“ schließt sich Oliver Holtemöller, Makroökonom am Hallenser Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, an.

Rezession und Wohlstandsverlust

Nun lautet die ökonomische Frage: Wie viel Wohlstandsverlust ist pro Prozentpunkt einer Rezession zu erwarten? Die Antwort lautet: Dies ist nicht exakt zu benennen, weil – siehe oben – Bürger*innen aufgrund ihres unterschiedlichen Konsumverhaltens unterschiedlich stark von einzelnen Preissteigerungen betroffen sind. Doch Wohlstandsverlust kann sich auf verschiedene Weise äußern. Zu den Begleiterscheinungen der ökonomischen Krise gehören:

  • Preissteigerungen
  • Verknappung von Gütern (auch des täglichen Bedarfs, Beispiel Speiseöl)
  • höhere Arbeitslosigkeit und längere Phasen von Arbeitslosigkeit
  • nachlassende öffentliche Leistungen
  • objektiv sinkende öffentliche Sicherheit aufgrund von Unruhen und Überlastung der Polizei
  • Wegfall oder starke Einschränkung von Luxusgütern und -aktivitäten wie Fernreisen und Kulturveranstaltungen

Das Problem ist dabei, dass bei einer wirklich starken Rezession und Stagflation der wirtschaftspolitische Spielraum des Staates sinkt. Seine Möglichkeiten der wirtschaftspolitischen Krisenbekämpfung schränken sich drastisch ein. Das hat Deutschland das letzte Mal vor einem halben Jahrhundert erlebt, nämlich während der Ölkrisen in den 1970er Jahren. Das Öl wurde knapper und teurer, es wurden Sonntagsfahrverbote verhängt, die Inflation stieg, worauf die Gewerkschaften mehr Lohn forderten. Darauf reagierten die Unternehmen mit Preiserhöhungen, die Bundesbank wiederum mit scharfen Zinserhöhungen. Nun folgte die Rezession. Dieses Szenario droht aktuell im Frühjahr 2022. Der gegenwärtige Wohlstandsverlust dürfte sich daher als laues Lüftchen gegen den Sturm darstellen, der uns noch erwartet.

Autor: Pierre von BedeutungOnline

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