Warum erzieht man Kinder? Bedeutung, Antwort, Erklärung

Warum erzieht man Kinder, Bedeutung, Antwort, Erklärung


Die Kindererziehung folgt historischen Vorbildern, deren Ursprung sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt. Sicherlich gab es auch schon frühere Erziehungsansätze, sie sind nur wenig bis nicht überliefert.

Antike Kindererziehung

Dass Kinder heutzutage Tyrannen seien, die ihren Eltern widersprechen, ihre Lehrer ärgern und sich bei Tisch nicht benehmen könnten, beklagte Sokrates vor knapp 2.500 Jahren. Damals setzten Überlegungen zur Erziehung ein, die in Teilen heute noch eine latente Basis für die Pädagogik bilden. Die griechische Philosophen – neben Sokrates auch Platon und Aristoteles – wollten Kinder nicht nur erzogen, sondern vor allem umfassend gebildet sehen, was ein Grundstein für die öffentliche Bildung und Erziehung war. Von diesen griechischen Idealen ließen sich auch die antiken Römer beeinflussen.

Erziehung im Mittelalter und in der Renaissance

Spätestens ab dem Mittelalter vor mehr als 1.000 Jahren oblag die Erziehung in Europa größtenteils der christlichen Kirche. Dom- und Klosterschulen nahmen Zöglinge auf, züchtigten sie angemessen und brachten ihnen neben strengster Disziplin auch Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie bei. Zentral war freilich die christliche Glaubenslehre. Anfangs war die Bildung dem Klerus vorbehalten, doch schon im 12. Jahrhundert initiierte die Kirche verstärkt Universitätsgründungen. Die Klöster blieben weiterhin Bildungszentren. Die Erziehung jener Zeit zielte auf absoluten Gehorsam, den die späteren Bürger-, Handwerker- und Winkelschulen 1:1 übernahmen.

Erziehung in der Aufklärung

Ab dem 17. Jahrhundert schwand allmählich der Einfluss der Kirche auf die Erziehung, die Aufklärung übernahm und entwickelte ein humanistisches Menschenbild. Dieses verneinte zwar nicht den Gehorsam gegenüber Eltern und Lehrern, doch es gestand den Zöglingen eigene Gedanken zu, denn schließlich wollte man ihre Kreativität fördern. Der englische Philosoph und Aufklärer John Locke (1632 – 1704) äußerte den Gedanken, dass Menschen bei ihrer Geburt ein leeres Blatt seien, das durch die Erziehung beschrieben werden müsse. Im 18. Jahrhundert begannen Pädagogen wie Pestalozzi (1746 – 1827), die Kindheit als eigenen Lebensabschnitt zu betrachten.

Kindererziehung: Wilhelminisches Zeitalter

Ende des 19. Jahrhundert hieß es, dass sich die Liebe zum Kind in Zucht ausdrücke. Die patriarchalische Gesellschaft trat im Prinzip einen Schritt hinter die Aufklärung zurück und setzte wieder vermehrt auf strengste Erziehung zum Gehorsam. Das lag zweifellos auch an der Industrialisierung, die von der gesamten Gesellschaft deutlich mehr Disziplin verlangte. Der Rohrstock wurde zum gängigen Erziehungsinstrument an den Schulen. Dieser Stil hielt sich bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Heinrich Mann beschrieb 1914 in seinem Roman „Der Untertan“ sehr genau, welche Menschen aus so einer Erziehung hervorgingen.

Reformpädagogik ab dem späten 19. Jahrhundert

Schon im späten 19. Jahrhundert setzte die Reformpädagogik, die sich auf frühe Vorbilder wie Pestalozzi stützte, einen Kontrapunkt zur strengen wilhelminischen Erziehung. Sie förderte die gewaltfreie und kreative Erziehung. Wichtige Protagonist*innen waren Maria Montessori und Alexander Sutherland Neill (Summerhill-Schulen). Die Bewegung hielt sich in Deutschland bis kurz nach 1933, dann wanderten ihre Vertreter*innen aus oder erhielten Berufsverbot.

Erziehung im Nationalsozialismus

Unter den Nationalsozialisten setzte sich der strenge wilhelminische Erziehungsgeist fort, immerhin sollten die Kinder auf den Kriegsdienst vorbereitet und „hart wie Kruppstahl“ werden. Es wurde bedingungsloser Gehorsam gefordert.

Nachkriegszeit

Die harten Erziehungskonzepte aus der Kaiser-Wilhelm-Zeit und der NS-Ära ließen sich weder in Ost- noch in Westdeutschland schnell abschütteln. Sie wirken in Teilen bis ins 21. Jahrhundert fort. Gleichzeitig kehrten die Reformpädagogen nach Westdeutschland zurück, zudem entwickelte sich ab den 1960er-Jahren als absolute Gegenbewegung zur strengen Erziehung der letzten 100 Jahre das antiautoritäre Konzept, das heute aber als gescheitert gilt. Die Prügelstrafe wurde erst allmählich abgeschafft (im Osten eher als im Westen), auch die gewaltfreie Erziehung im Elternhaus wurde erst sehr spät gesetzlich verankert.

Warum erziehen wir heute unsere Kinder mit ganz bestimmten Konzepten?

Alle Erziehungskonzepte der Neuzeit (ab dem 21. Jahrhundert) setzen auf früheren Ansätzen auf. Aus der Antike haben wir die grundsätzliche Notwendigkeit von Bildung und Erziehung übernommen, aus der Aufklärung und der Reformpädagogik die Förderung von Kreativität in einer gewaltfreien Umgebung, aus der strengen kirchlichen, wilhelminischen, nationalsozialistischen und stalinistischen Erziehung die Forderung des absoluten Gehorsams, aus den antiautoritären und antipädagogischen Konzepten der 1960er- bis 1980er-Jahre das moderne Konzept der Unerzogen-Bewegung.

In den Schulen und Vereinen wird das Konzept einer gewaltfreien und demokratischen Erziehung zu mündigen Menschen propagiert, allerdings in einzelnen Schulen auf unterschiedliche Weise. In den Familien herrscht teilweise nach wie vor Gewalt, und zwar bewusst ausgeübte Gewalt zum Zweck der „Erziehung“, welche die betreffenden Gewalttäter für legitim halten. Allerdings ist damit die Grenze zur strafbaren Handlung sehr schnell überschritten. Wir dürfen daher konstatieren, dass wir unsere Kinder aufgrund historischer Vorbilder erziehen und aktuell um angemessene Konzepte ringen. Diese gelten mit Stand der 2020er-Jahre als vorläufig. Einig ist sich die Gesellschaft überwiegend über die folgenden Prämissen:

  • Erziehung soll gewaltfrei erfolgen. Auch die Gewalttäter in den Familien wissen, dass sie eine Minderheitenposition vertreten und sich unter Umständen strafbar machen.
  • Kinder benötigen Bildung (antikes Ideal).
  • Kinder sollen ihre Kreativität entfalten können (Ideale der Aufklärung und der Reformpädagogik).

Ob Kinder durch Erziehung „geführt“ und „geformt“ werden sollen, ist in der Gesellschaft umstritten. Die Vertreter*innen er Unerzogen-Bewegung lehnen dies beispielsweise ab, sie halten es für manipulativ. Inwieweit Kinder Grenzen erfahren müssen, wird permanent diskutiert.

Es gibt auch Verfechter*innen eines harten, wenngleich gewaltfreien Erziehungsstils, die im Prinzip auf christlicher, wilhelminischer, nationalsozialistischer und stalinistischer Tradition aufsetzen. Diese Personen glauben, dass Kinder a) Gehorsam begreifen müssen, weil er in bestimmten Organisationen erforderlich ist (beim Militär, bei der Polizei, aber auch in Industrieunternehmen, wo nicht jede Sicherheitsanweisung hinterfragt werden kann) und dass Kinder b) durch eine gewisse „gesunde Härte“ in der Erziehung die nötige Resilienz erlangen, um auch mit schwierigsten Lebensumständen zurechtzukommen. Dieser Punkt darf hinterfragt werden.

Es gibt Fälle von Erwachsenen, die keinesfalls autoritär, sondern eher sehr laissez-faire erzogen wurden und sich dennoch nötigenfalls in eine Befehlskette einfügen und nötigenfalls auch einer schwierigen Situation (Katastrophe, Bedrohungslage, prekäre wirtschaftliche Situation) behaupten können. Allerdings suchen diese Personen solche Situationen nicht unbedingt. Sie bewerben sich zum Beispiel nicht bei der Polizei oder beim Militär und auch nicht bei einem großen Industrieunternehmen mit quasi-militärischer Struktur (Kraftwerke etc.).


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Falls sie in eine Bedrohungssituation gelangen, suchen sie eher Hilfe bei anderen Menschen und erhalten sie häufig eher durch ihre bessere Sozialkompetenz gegenüber den hart erzogenen, resilienten Einzelkämpfern, die glauben, jedes Problem allein lösen zu müssen. Das bedeutet wiederum: Der Erziehungsstil zur Härte ist nur selten nützlich und überwiegend, also in einer bedrohungsarmen Gesellschaft, eher kontraproduktiv.

Fazit: Ziel der Erziehung

Die Ausgangsfrage lautete ja, warum wir unsere Kinder erziehen. Es darf konstatiert werden, dass wir sie im Rahmen der Gesetze nach eigenen Duktus erziehen, also nach dem, was wir selbst für richtig halten. Der Polizist erzieht seinen Sohn möglicherweise etwas strenger, weil er weiß, dass das Leben noch deutlich größere Härten bereithalten kann. Der Künstler lässt seinem Kind eher freien Lauf. Doch ob das den beiden Kindern nützt, hängt von ihren späteren Lebenswegen und -entscheidungen ab.

Autor: Pierre von BedeutungOnline

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