Mauerfall: Über den Osten reden


Als die Mauer fiel, kam unglaublich viel im Osten Deutschlands in Bewegung. Alte Gewissheiten und Gewohnheiten gingen über Nacht verloren. Aus Stabilität und Ruhe wurde einzige Veränderung. Nach der Wende konnte kaum ein DDR-Bürger den gleichen Beruf oder Job wie vor der Wende ausüben. Betriebe wurden geschlossen und viele Menschen mussten schmerzlich erleben, dass sie nicht mehr gebraucht wurden. Das gesellschaftliche Leben in der DDR, im Kollektiv galt nicht mehr. Die Gesellschaft veränderte sich gravierend.

Der Fall der Mauer setzte unglaublich viel Energie frei

In der DDR verließen Bürger nach dem Fall der Mauer über Nacht ihre Wohnungen und Häuser, um in den Westen aufzubrechen. Menschen erschienen nicht mehr auf Arbeit. Manche kamen nach wenigen Monate oder Jahren ernüchtert wieder zurück. Andere blieben im Westen.

Die Kontrolle über das Land schien teilweise verloren. Die Polizei war überfordert. Es gab Diebstähle. Eine neue Rechtsordnung musste eingerichtet werden. Es brauchte neue Beamte.

Westdeutsche erschienen in den Städten der ehemaligen DDR. Manche wollten nur gucken, andere wollten Versicherungen oder Teppiche verkaufen. Mit ihnen kamen die Zeichen der westdeutschen Marktwirtschaft.

Abwertungen und Arbeitslosigkeit

Kurz nach der Wende gab es ein Phänomen, dass in der DDR unbekannt war: Arbeitslosigkeit. Über Nacht gab es eine Arbeitslosenquote von 10,3 Prozent. Das waren über eine Millionen Menschen, die auf einmal arbeitslos waren. Bis 2005 stieg diese Zahl auf 20,6 Prozent bzw. 1,6 Millionen Ostdeutsche an. Erst ab 2006 fiel die Arbeitslosenquote. (Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2019))

Die Treuhand wurde Anfang der 1990er Jahre aktiv. DDR-Betriebe wurden geschlossen. Menschen wurden zu Hauf entlassen. In Folge der geschlossenen DDR-Betriebe und der Arbeitslosigkeit veränderte sich die Stimmung. Wer Arbeit hatte, war einigermaßen gelassen. Wer seine Arbeit verlor, war nicht mehr so begeistert von der Wende. Es gab und gibt ehemalige Bürger der DDR, die nach der Wende nie wieder eine Anstellung fanden.

Einige DDR-Abschlüsse konnten nicht so einfach anerkannt werden, da sie in Westdeutschland unbekannt waren. Bei anderen musste eine Gebühr von 100 Mark gezahlt werden, damit der Abschluss anerkannt wird. Die Wechselkurse zwischen DM und DDR-Mark schwankten stark.

Bis heute fühlen sich einige DDR-Bürger als Bürger zweiter Klasse. Sie fühlen sich zurückgesetzt und bevormundet. Dass es bis heute noch Renten- und Lohnunterschiede in Ost- und West bestätigt sie in ihrer Haltung.

Der Mauerfall war der Anfang von Veränderungen, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind

Vom Mauerfall hat profitiert, wer Geld hatte. Reiche DDR-Bürger waren eher die Seltenheit. Deswegen haben viele Westdeutsche von den Möglichkeiten in der ehemaligen DDR profitiert. Sie haben Immobilien gekauft und wurden unternehmerisch aktiv.

DDR-Bürger haben nach der Wende hart gearbeitet, sich angestrengt und einige erhalten heute eine ärmliche Rente als „Lohn“. Hartz IV traf die Menschen. Wer arbeiten wollte, aber keine Anstellung fand, musste um sein kleines Vermögen fürchten.

Dem Sicherheits- und Ordnungsbedürfnis der ehemaligen DDR-Bürger wird die Bundesrepublik Deutschland bis heute nicht gerecht. Für ehemalige DDR-Bürger ist es sehr befremdlich, wenn sie hören müssen, dass der deutsche Staat versagt, die Kontrolle verliert, sich von Clans auf der Nase herumtanzen lässt oder nicht für die Sicherheit seiner Bürger sorgt.

In einigen Regionen im Osten Deutschlands fühlen die Menschen sich vergessen und abgehängt. Dies sind Regionen in denen Krankhäuser, Arztpraxen und Supermärkte schließen. Es sind Regionen aus denen Menschen abwandern, weil es hier keine Arbeit und keine Perspektive gibt.

Ehemalige DDR-Bürger sind skeptischer gegenüber den Medien. Sie haben den Eindruck, dass ihre Sicht auf die Welt keine Beachtung findet und dass sie in eine gewisse Richtung erzogen werden sollen. Auch halten sie die Medien für zu unkritisch gegenüber der Regierung.

Die Darstellung der DDR als Unrechtsstaat in der Medienlandschaft der heutigen BRD empfinden sie als ungerecht und einseitig. Es trifft sie persönlich, denn was muss man für ein Mensch sein, wenn man 30 Jahre oder mehr in einem Unrechtsstaat gelebt hat, hier seine erste Liebe kennengelernt, geheiratet und Kinder bekommen hat. Die DDR hat viele Menschen geprägt und diese Prägung ist Teil ihrer Identität. Sich einfach davon zu distanzieren und diese Erfahrungen zu negieren, ist sehr viel verlangt.

Es stellt sich die Frage, ob mit den größten Sorgen der ehemaligen DDR-Bürger, der Angst vor Arbeitslosigkeit und der Angst vor dem Ende der sozialen Sicherheit, hätte anders umgegangen werden sollen. Der radikale Einschnitt durch Betriebsschließungen, Massenentlassungen und Sozialabbau war natürlich ein Schock für die Menschen, die so etwas nicht kannten und auch nicht erwartet hatten. Südfrüchte, moderne Straßen und renovierte Gebäude sind da nur ein schwacher Trost, wenn Menschen in Armut leben müssen.

Die Wende und positive Auswirkungen

Es ist leicht, das Alte und nicht mehr Existente zu glorifizieren und zurückzuwollen. In der Erinnerung werden bewusst positive Seiten betont. Doch die DDR hatte Schattenseiten, die auch erwähnt werden müssen.

Die Wende hat Fortschritte für Bürger im Osten Deutschlands gebracht, die nicht unerwähnt bleiben dürfen. Nach 1989 fanden erstmals freie Wahlen statt. Mit der Wende erhielten DDR-Bürger Freiheits- und Bürgerrechte. Sie erhielten die Reisefreiheit und durften nun ohne Angst vor staatlicher Repression ihre Meinung sagen. (Meinungsfreiheit: Ein Bürgerrecht, das bis heute sehr beliebt ist. Denn es ist eine Errungenschaft, dass jeder so viel schimpfen und sich beschweren darf, wie er will.) Die Religionsfreiheit, Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit wurden eingeführt.

Die Stasi wurde aufgelöst. Die Bürger der ehemaligen DDR waren nun frei vom Einfluss und der Überwachung ihres Staates. Sie konnten nun ihre Rechte einklagen! Sie mussten nicht mehr gegenüber dem Sozialismus loyal sein. Politisch-Andersdenkende mussten nicht mehr fürchten vom Staat verfolgt zu werden.

Wie geht es jetzt weiter?

Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade #remember1989 von Europeana teil.

Zunächst einmal: Es ist gut und wohl an der Zeit, dass wir über den Osten Deutschlands und seine Menschen reden.  Moralische Verurteilungen bringen nichts. Die Blogparade #remember1989 und auch dieser Beitrag sind ein Anfang.

Es ist unglaublich schwierig einen ausgewogenen Beitrag über die Wende und ihre Folgen zu schreiben. Deswegen ist dieser Beitrag auch nur ein Ausschnitt. Im Osten Deutschlands ist natürlich nach der Wende auch viel positives passiert. Das soll hier nicht vergessen werden. Doch (und das ist leider ein Vermutstropfen) wiegt wohl das Positive die negative Erfahrungen vieler ehemaliger DDR-Bürger nicht auf.

Wer möchte, dass Deutschland wieder „eins“ wird, der muss einen Versöhnungsprozess in Gang setzen. Es sollten Fehler zugegeben und eingestanden werden. DDR-Erfahrungen sollten ernst genommen, nicht abgewertet werden. Dass Erbe der DDR müsste anerkannt werden.

Was es braucht, ist eine Zeit des Zuhörens. Eine Zeit, in der auf Vorwürfe verzichtet wird, Menschen sagen, was sie empfinden und ihnen zugehört wird. Das setzt einen Heilungsprozess in Gange. Dies ist eine Aufgabe, die die Generation Y und Z beginnen können. Denn beide Generationen sind keine Zeitzeugen. Sie haben die Jahre nach der Wende nicht direkt mit erlebt, sondern nur durch ihre Eltern. Sie sind im Deutschland nach 1990 aufgewachsen. Vielleicht ist es genau die Distanz, die nötig ist, um anzufangen.

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