Was ist die Great Barrington Declaration? Inhalt, Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist die Great Barrington Declaration, Inhalt, Bedeutung, Definition, Erklärung


Die Great Barrington Declaration (Erklärung von Great Barrington) wurde am 4. Oktober 2020 in Great Barrington am American Institute for Economic Research verfasst. Die Erstunterzeichner befassen sich darin kritisch mit der globalen Reaktion auf die COVID-19-Pandemie.

Was ist die Great Barrington Declaration? Inhalt, Bedeutung, Definition, Erklärung

Das Autorengremium besteht aus international anerkannten Epidemiologen und Wissenschaftlern, die für den öffentlichen Gesundheitsbereich arbeiten. Sie äußern ernste Bedenken in Bezug auf die möglichen schädlichen Auswirkungen der vorherrschenden Strategien zur Eindämmung von COVID-19. Die aktuelle Politik, so der Tenor der Erklärung, werde die Gesundheit der Weltbevölkerung in physischer und psychischer Hinsicht mehr schädigen als das Virus selbst. Anstelle der verbreiteten Restriktionen bis hin zu Lockdowns empfehlen sie den Ansatz „Focused Protection“ (deutsch: fokussierter Schutz). Dieser solle dazu führen, dass Eindämmungsmaßnahmen nicht pauschal, sondern lokal sowie bezogen auf Situationen und auf Personengruppen angeordnet werden. Zu den gesundheitlichen Gefahren der aktuellen Lockdown-Politik zählen sie:

  • gesunkene Impfraten von Kindern
  • weniger Krebsvorsorgeuntersuchungen
  • schlechtere Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Verschlechterung der allgemeinen psychischen Verfassung

Aufgrund dieser Gefahren sei daher in den nächsten Jahren mit höherer Übersterblichkeit zu rechnen. Von dieser seien voraussichtlich eher junge und ökonomisch benachteiligte Personen betroffen. Neben den Gesundheitsgefahren durch die Coronapolitik zählen die Autoren auch wirtschaftliche Gefahren und schwerwiegende Risiken für die Bildung der nachwachsenden Generationen auf. Sie bezeichnen es als „schwerwiegende Ungerechtigkeit“, Kindern und Jugendlichen den Schulbesuch zu verwehren.

Wie soll der fokussierte Schutz funktionieren?

Er soll statistische Risikoniveaus ermitteln und nach diesen einen jeweils abgestuften Maßnahmeplan in Kraft setzen, der dem tatsächlichen Risiko in einer Region oder Stadt, einer Personengruppe (Berufstätige, Pendler, Bewohner von Altenheimen, Schüler) und einer Situation (Schulbesuch, Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln, Arbeit in einem Risikobetrieb wie dem Schlachthof) entspricht. Der Fokus soll auf der Abschirmung von am stärksten gefährdeten Menschen in bestimmten Situationen und an bestimmten Orten liegen. Für die übrige Bevölkerung sollen weniger Einschränkungen gelten, um denjenigen, die durch COVID-19 nicht extrem gefährdet sind (selbst bei einer Erkrankung nicht), ein halbwegs normale Leben zu ermöglichen.

Coronavirus / Covid-19 Ziel: Herdenimmunität

Neben dem fokussierten Schutz in echten Gefahrenzonen und für wirklich gefährdete Personen geht das Autorengremium der Great Barrington Declaration davon aus, dass bei abgestuften und daher für weite Teile der Bevölkerung abgeschwächten Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus auf relativ ungefährliche Weise relativ schnell eine Herdenimmunität entstehen könnte. Das schwedische Vorbild belege dies. In Schweden gab und gib es weitaus weniger restriktive Maßnahmen als in fast allen übrigen Staaten der Welt. Zwar gab es dort auch schon deutlich höhere Fallzahlen und in Relation zur Bevölkerungszahl eine relativ hohe Sterblichkeit, jedoch scheint ein weitaus größerer Teil der schwedischen Bevölkerung inzwischen die Virusinfektion erlitten und – viel wichtiger – mit der Folge einer Immunität glimpflich überstanden zu haben. Auch ganz Großbritannien und die kalifornische Stadt Santa Clara werden als Beispiele für eine mögliche Herdenimmunität zitiert. Hinter diesen Aussagen steckt durchaus Expertise. Die Hauptautoren sind Sunetra Gupta (Epidemiologin, Universität Oxford), Martin Kulldorff (Medizinprofessor und Biostatistiker, Harvard University) und Jay Bhattacharya (Serologe, Stanford University). Die Liste der Mitunterzeichner ist ähnlich prominent. Die Autoren führen Belege an, die eine mögliche Herdenimmunität für die drei Beispiele Schweden, Großbritannien und Santa Clara nahelegen. Sie berufen sich dabei auf Studien, an denen sie selbst federführend mitgewirkt haben.

Kritik an der Great Barrington Declaration

An der Great Barrington Declaration gibt es – wiederum aus der Fachwelt – starke Kritik. Deren Haupttenor lautet, dass die vorgeschlagene beschleunigte Herbeiführung der Herdenimmunität keine angemessene Strategie sei. Im Detail werden von den Kritikern diese Punkte geäußert:

  • Ob es überhaupt in den drei genannten Regionen (oder anderswo) schon eine Herdenimmunität (mindestens 75 % der Bevölkerung sind immun) gibt, ist unbewiesen. Hierfür müsste die gesamte Bevölkerung oder zumindest eine riesige repräsentative Gruppe getestet werden.
  • Man kennt noch nicht den Langzeitverlauf von COVID-19 (sogenanntes „Long Covid“). Damit ist der Langzeitverlauf der Pandemie, nicht derjenige bei einem einzelnen Patienten gemeint. Insbesondere weiß man nicht, wie lange eine Immunisierung aufgrund einer überstandenen Infektion oder einer Impfung anhält. Ohne dieses Wissen aber muss das absichtliche Herbeiführen einer Herdenimmunität als fahrlässig gelten.
  • Die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft hält mehrheitlich die gegenwärtigen Maßnahmen gegen die Pandemie für angemessen. Sie drängt auf die bessere Durchsetzung von Restriktionen, nicht aber auf mehr Differenzierung.

Kritiker der Great Barrington Declaration sind unter anderem Robert Lechler, Präsident der British Academy of Medical Sciences, Prof. Martin McKee (London School of Hygiene & Tropical Medicine) und Prof. William Hanage (Epidemiologie, Harvard University). Letzterer befürchtet, dass bei der Durchführung der Great-Barrington-Vorschläge weltweit deutlich mehr Infektionen sowie in deren Folge mehr Krankenhausaufenthalte und auch mehr Todesfälle zu beklagen wären. Besonders die junge Bevölkerung sei bei so einem Szenario stark gefährdet.

Eine von jüngeren Bevölkerungsgruppen ausgehende Herdenimmunität war schon einmal zu Beginn der Pandemie etwa im Februar 2020 diskutiert worden. Damals hatte sich Prof. Christian Drosten (Virologe, Berliner Charité) schon kritisch dazu geäußert. Er hatte a) Zweifel an der Funktionsfähigkeit eines solchen Versuchs geäußert und b) zu bedenken gegeben, dass man die jungen Leute auch fragen müsse, ob sie sich denn infizieren lassen wollten, um mit ihrer vermeintlich stabileren Konstitution in der Gesamtbevölkerung eine Herdenimmunität einzuführen. Nachdem in den vergangenen Monaten sehr schwere Verläufe und Todesfälle bei jungen, zuvor kerngesunden Menschen bekannt geworden waren, galt dieser Gedanke inzwischen als obsolet. Die Great Barrington Declaration greift ihn dennoch wieder auf.

Great Barrington Declaration: Stellung des Autorengremiums

Die drei Hauptautoren der Great Barrington Declaration hatten sich schon in den von ihnen durchgeführten Studien, auf die sie sich jetzt berufen, kritisch gegenüber der allgemeinen Coronapolitik geäußert. Dafür waren sie wiederum auch kritisiert worden. So ein Streit unter Wissenschaftlern gilt aber als normal und fruchtbar. Allerdings fällt der Widerstand unter anders argumentierenden Fachleuten dieses Mal deutlich akzentuierter aus. So nannte Prof. Gregg Gonsalves (Epidemiologe, Yale University) die Vorschläge der Autoren „grotesk“ und eine Strategie zur „Keulung von Schwachen zugunsten der Herde“.

Allerdings hatten die Autoren der Erklärung von Great Barrington wohl offenbar genau das nicht im Sinn: Sie wollen ja die besonders gefährdeten Gruppen auch besonders schützen. Prof. Gonsalves argumentiert aber, dass knapp die Hälfte der US-Bevölkerung durch die Pandemie extrem gefährdet sei und daher die aktuell angeordneten Schutz- und Quarantänemaßnahmen alternativlos seien. Er verwies auch darauf, dass regelmäßig Spitzenwerte von Infektionsraten jüngerer Menschen mit dem Tod älterer Menschen korrelieren, man die Risikogruppen also nicht wie gewünscht auseinanderdividieren könne.

Wer sich selbst von der Erklärung ein Bild machen möchte, kann sie nachlesen:

Great Barrington Declaration (deutsche Übersetzung)

Great Barrington Declaration (Original)

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