Was sind Schattenfamilien? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was sind Schattenfamilien, Bedeutung, Definition, Erklärung


Schattenfamilien stehen im Schatten eines schwer, dauerhaft und/oder riskant erkrankten Familienmitglieds. Dass die Krankheit chronisch ist, gehört zu den entscheidenden Voraussetzungen: Erst im Verlauf einer gewissen Zeit etabliert sich in der betreffenden Familie der Stil, alle freien Ressourcen für die Sorge um das kranke Familienmitglied aufzuwenden.

Grundsätzliche Problematik in Schattenfamilien

Die grundsätzliche Problematik dieser Familien ist der komplette soziale Rückzug. Diesen gab es für die Betroffenen schon immer, weil ihre Ressourcen aufgrund der Sorge um das kranke Familienmitglied für eine normales soziales Leben nicht ausreichen. Während der Coronapandemie hat sich die Problematik allerdings erheblich verschärft, weil Risikopatient*innen aufgrund der Ansteckungsgefahr um jeden Preis von sozialen Kontakten isoliert werden müssen: Eine Infektion kann für sie viel schneller als für gesunde Menschen tödlich enden. So werden also durch die Angehörigen von Schattenfamilien die Kontakte zu Familienangehörigen, Freunden, Nachbarn und Kollegen drastisch reduziert, was für die psychische Gesundheit verheerende Auswirkungen hat.

Ursprünglich leitete sich der Begriff der Schattenfamilie von dem des Schattenkindes ab. Das ist ein gesundes Geschwisterkind, das im Schatten der Sorge um die kranke Schwester oder den kranken Bruder steht. Inzwischen betrifft der Zustand uneingeschränkt die komplette Familie. Die Angehörigen der Schattenfamilie stellen eigene Bedürfnisse komplett zurück, was unweigerlich zu einem Gefühl der ungerechtfertigten Benachteiligung führt. Sie leben im Schatten, sie führen ein Schattendasein.

Welche Erkrankungen sind hauptursächlich für das Entstehen einer Schattenfamilie?

Prominente Erkrankungen, die zu diesem Zustand führen, waren oder sind (insbesondere seit Beginn der Coronapandemie):

  • Krebs
  • Aids
  • Asthma
  • Diabetes mellitus
  • Bluthochdruck
  • multiple altersbedingte Erkrankungen

Es gibt allerdings noch wesentlich mehr schwere und gleichzeitig chronische Krankheitsbilder. Im Normalfall (ohne Pandemie) sind rund 15 % aller betroffenen Patient*innen schwer erkrankt. Zu Steigerungen dieses Anteils durch eine Ansteckung mit dem Coronavirus gibt es mit Stand Anfang 2022 keine Zahlen, jedoch ist diese Steigerung zu vermuten, weil eine vollständige Isolation in der Regel nicht gelingt. Also stecken sich auch Risikopatient*innen in Schattenfamilien an und erkranken noch schwerer, was die Familie noch mehr Vorsicht walten lässt. Das Problem der Schattenfamilien verstärkt sich damit, weil diese untereinander durchaus gut (digital) vernetzt sind, von den betreffenden Fällen lesen und hören und fortan ihre eigene Isolation aus Vorsicht noch mehr forcieren.

Psychosoziale Struktur in der Schattenfamilie

Die Eltern müssen den Geschwistern des erkrankten Kindes oder – bei Erkrankung eines Elternteils – allen Kindern die Notwendigkeit der Isolation nahebringen. Das kindliche und selbst ein erwachsenes Verständnis hierfür hat Grenzen. Alle Angehörigen leiden, die Kinder in der Regel am meisten. Die Eltern verspüren deswegen starke Schuldgefühle. Unter Umständen projizieren sie ihre Wut und den Frust auf das erkrankte Familienmitglied.

Da sich gegen dieses eine Aggression verbietet, würde es eines Ventils bedürfen, das die gesunden Familienmitglieder als erreichbare Projektionsflächen bieten könnten. In der Schattenfamilie herrscht daher überwiegend latenter Frust, der aber aus Vernunft und Einsicht unterdrückt wird. Er könnte sich in Manierismen und Anankasmen (Zwangshandlungen) kanalisieren, so etwa einem übertriebenen Ordnungssinn, von dem zum Beispiel gesunde Geschwisterkinder betroffen wären, indem sie zum ständigen, übertriebenen Ordnunghalten aufgefordert werden.

Auch heimlicher Drogenmissbrauch könnte ein Ventil sein. Dass hingegen der Zustand die Familie „zusammenschweißt“ und sich ihre Mitglieder besonders nahe sind, dürfte eine romantische Vorstellung sein. Vielmehr drohen die Ehescheidung, schlimmstenfalls Gewalt und in der Regel eine Entfremdung der Geschwister voneinander, sobald diese als junge Erwachsene das Haus verlassen können.

Doppelbelastung und Arbeitslosigkeit als weitere Folgen

Je nachdem, wann sich eine chronische und schwere Krankheit etabliert hat, wurde das betreffende Familienmitglied entweder schon immer betreut, oder beide Eltern haben so lange wie möglich versucht, einem Beruf nachzugehen.

Irgendwann ist die Belastbarkeitsgrenze durch die Doppelbelastung von Beruf und Betreuung überschritten. In der Regel gelingt kein geordneter Übergang in einen Teilzeitjob oder die Vollzeitpflege mit Pflegegeld von der Kasse, sondern es kommt vielmehr im Berufsleben zu Ausfällen, bis mindestens ein Elternteil arbeitslos wird (häufig durch Kündigung des Arbeitgebers).

Es soll nun die Betreuung des kranken Familienmitglieds vollständig übernehmen und schafft es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr, ins Berufsleben zurückzufinden. Das Pflegegeld der Kasse – wenn es denn überhaupt fließt – kann den finanziellen Ausfall nicht kompensieren. Die Familie gerät unweigerlich in finanzielle Schwierigkeiten. Diese verstärken die Belastungen nochmals erheblich.

Die Versorgung eines kranken Familienmitglieds kann auch eine mehr oder minder hohe finanzielle Belastung mit sich bringen, die selbst bei normalem Einkommen spürbar wäre. Für eine Familie mit halbem Einkommen kann sich diese Belastung zur Dauerkatastrophe auswachsen. Selbst kleine Ausflüge, welche die Familie bislang noch miteinander unternehmen konnte, werden nun gestrichen.

Selbstbild von Mitgliedern einer Schattenfamilie

Vor allem die erwachsenen Mitglieder der Schattenfamilie durchleben einen dramatischen Wandel ihres Selbstbildes. Nichts, was sie versuchen, kann jemals genügen. Sie erleben sich permanent als unzulänglich und fühlen sich schuldig. Wenn sie nicht mehr ihrem normalen Beruf nachgehen können, fehlt das übliche positive Feedback auf Arbeitsleistungen.


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Dass sie in diese Situation unverschuldet geraten sind, ist höchstens ein schwacher Trost, doch es kommt noch schlimmer: Menschen in einer dramatisch schlechten Situation schämen sich dafür und schaffen sogar geistige Konstrukte, mit denen sie sich selbst die Verantwortung für die Lage auferlegen. Das ist zwar paradox, aber verständlich. Es fällt in den Bereich der psychischen Abwehrreaktionen (Verdrängung, Verleugnung, Sublimierung, Rationalisierung).

Diese sind dazu da, eine an sich unerträgliche Situation psychisch erträglich zu gestalten. Im genannten Fall bietet die Rationalisierung den passenden Aufhänger: Es muss quasi einen Grund geben, warum ich selbst in diese Situation geraten bin. Ich muss etwas falsch gemacht haben. Was es war, muss ich herausfinden. Wenn mir das gelungen ist (durch die Rationalisierung, was ich wohl falsch gemacht habe), bin ich momentan entlastet. Die Last besteht in psychischer Hinsicht darin, keine rationale Erklärung für diesen unverdienten Schicksalsschlag zu finden. Religiöse Menschen denken, dass der Herr sie liebt und daher prüft (Psalm 11:5: „Der Herr prüft den Gerechten“).

Hilfe für Schattenfamilien

Die Politik, aber auch Verwandte, Freunde, Kollegen und Nachbarn sollten eine wie auch immer geartete normale Kommunikation mit den Mitgliedern der Schattenfamilie pflegen, sie entlasten, wo es geht, und vor allem die Situation realistisch betrachten: Es ist ein unverschuldeter Schicksalsschlag, der jeden von uns treffen könnte.

Autor: Pierre von BedeutungOnline

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