Was ist das generische Femininum? Bedeutung, Definition, Erklärung

Was ist das generische Femininum, Bedeutung, Definition, Erklärung


Das generische Femininum meint die Bezeichnung für weibliche Personen und für gemischtgeschlechtliche Personengruppen im verallgemeinernden Sinne. Letzteres ist offiziell aber nur üblich, wenn es für die Feminina auch maskuline Gegenstücke gibt. Beispiele finden sich zuhauf bei den Berufsbezeichnungen: Busfahrerin/Busfahrer, Polizistin/Polizist, Klempnerin/Klempner.

Im Unterschied dazu gibt es die inhärent genetischen Feminina. Dabei handelt es sich um Bezeichnungen, die aus sich heraus feminin angelegt sind, wie etwa die Koryphäe, die Person, die Geisel oder die Lehrkraft. Diesen speziellen Feminina stehen keine Maskulinformen gegenüber. Semantisch, also inhaltlich haben sie keinen Bezug zu einem bestimmten Geschlecht. Deswegen müssen sie bei Bedarf durch Adjektive ergänzt werden: die männliche Person, die weibliche Lehrkraft. Ihnen werden auch keine Femininendungen (-in) angehängt. Wenn es also um die Problematik des generischen Femininums als geschlechtsneutrale Bezeichnung geht, sind die inhärent generischen Feminina davon nicht betroffen.

Es geht darum, Feminin- statt Maskulinformen geschlechtsabstrahierend zu verwenden. Normalerweise ist es in der deutschen Sprache gewohnheitsmäßig so geregelt, dass die maskuline Form einer Bezeichnung alle Menschen meint, auch wenn sie nicht explizit erwähnt sind. Das bekannteste Beispiel, das zur Erklärung immer wieder herangezogen wird, ist der Werbeslogan: „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“. Die Maskulinformen sollen, so zumindest die Argumentation, auch die weiblichen Ärzte und Apotheker ansprechen. Die Alternative wäre die generische Femininform: „Fragen Sie Ihre Ärztin oder Apothekerin“.

Worte im generischen Femininum: Beispiele

Tierbezeichnungen:

  • Die Biene
  • Die Ente (und der Erpel oder Enterich)
  • Die Fliege
  • Die Gans (und der Gänserich)
  • Die Katze (und der Kater)
  • Die Made
  • Die Maus (und der Mäuserich)
  • Die Ziege, die Zicke (und der Ziegenbock)

Familienbezeichnungen / natürliches Geschlecht:

  • Die Dame
  • Die Frau
  • Die Großmutter
  • Die Krankenschwester
  • Die Mutter
  • Die Oma
  • Die Tante
  • Die Tochter

Weitere Kategorien im generischen Femininum

  • Bäume (Die Erle, die Kastanie, die Eiche, die Kiefer, …)
  • Blumen (Die Tulpe, die Rose, …)
  • Zahlen (Die Eins, die Zwei, …)
  • Länder (Die Schweiz, die Türkei, die Arktis, die Antarktis, die Mongolei (Länder, die mit -ei enden))

Weitere Beispiele für das generische Feminina

  • Die Geisel
  • Die Hebamme
  • Die Person

Das generische Femininum in der Sprachwissenschaft

1984 schlug die feministische Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch zum ersten Mal vor, feminine Formen generisch zu verwenden. Sie fordert, für die Bezeichnung von Personen im generischen Sinne allein die Femininformen zu verwenden. Pusch spricht sich für die „totale Feminisierung“ der nächsten eintausend Jahre aus, als „Empathietraining“ für Männer. Zehn Jahre später wurde diese Idee verschiedentlich offiziell umgesetzt, beispielsweise vom Stadtrat von Buchholz in der Nordheide. Hier wurden 1994 in der Satzung nur noch weibliche Amts- und Funktionsbezeichnungen verwendet. Jetzt hieß es statt Ratsherren Ratsfrauen, auch wenn es sich dabei um Männer handelte. Etwa zwanzig Jahre später, im Jahr 2013, führten die Universitäten Leipzig und Potsdam die generischen Femininformen als Bezeichnungen offizieller Funktionen ein. Von da an waren mit Professorinnen, Dozentinnen oder Wissenschaftlerinnen auch die Männer gemeint. Eine innovative Herangehensweise, die nicht bei allen Männern gut ankam.

Als Reaktion auf die Verwendung generischer Feminina erklärte der Sprachwissenschaftler Hans-Martin Gauger 2013, dass sich dies gegen die Sprache stellen würde. Er meinte, dass das Wort „Lehrer“ für Lehrer und Lehrerinnen stehen könne, umgekehrt gelte dies aber nicht. Das Wort „Lehrerin“ könne nicht für Lehrer, sondern ausschließlich für Lehrerin stehen. 2018 bekräftigte Luise F. Pusch ihre Haltung zur Verwendung generischer Feminina. Außerdem enthalte das Femininum sichtbar auch das Maskulinum. „Lehrer“ sei in „Lehrerin“ deutlich enthalten. Pusch bezeichnet das Femininum als die Grundform. Das Maskulinum sei lediglich die Schwundform.

2020 argumentiert der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, dass der generische Gebrauch des Femininums aus sprachwissenschaftlicher Sicht ebenso wenig anerkannt ist wie der des Maskulinums. Keine der beiden Varianten ergibt sprachwissenschaftlich gesehen Sinn. Das jeweils andere Geschlecht ist zwar immer mitgemeint, muss aber immer mitgedacht werden. Diese Argumentation folgt der GfdS, der Gesellschaft für deutsche Sprache. Im August 2020 sprach sie sich gegen das generische Femininum aus. Diese Lösung sei ebenso wenig geschlechterneutral wie das generische Maskulinum. Es finde keine Gleichbehandlung der Geschlechter statt. Das jeweils andere Geschlecht würde nicht explizit angesprochen, sondern sei lediglich mitgemeint.

Abwechselndes Gendern

Das generische Maskulinum wurde bis Ende des 20. Jahrhunderts kaum beanstandet. Die Menschen waren die Sprache gewöhnt und die Mehrheit der Deutschen störte sich nicht daran. Erst mit dem Aufkommen des Feminismus wurde auch an dieser Gewohnheit gerüttelt. Mittlerweile gibt es verschiedene Lösungsansätze, wie die Sprache beiden Seiten, also Frauen und Männern, gerecht werden kann. Eine Idee ist das abwechselnde Gendern. In den letzten Jahren wurden immer wieder Bücher, zumeist Sach- oder Fachbücher veröffentlich, in denen wechselweise die maskuline und die feminine Sprachformen generisch verwendet werden. Ein Beispiel ist das „Kleine Etymologicum“ von Kristin Kropf, die je 60-mal wechselweise männliche und weibliche Pluralformen verwendet hat. Sie schreibt dazu: „Sie werden im Folgenden also auf Vorfahrinnen, Griechinnen, Lexikografinnen … stoßen, die alle Nicht-Frauen mitmeinen – und auf Ahnen, Goten und Sprachwissenschaftler, die die Nicht-Männer einschließen“ (Kristin Kopf, Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache, 2014, 11).
Eine andere Lösung entwickelte die Universität Leipzig, die 2013 in ihre Grundordnung feminine Bezeichnungen für offizielle Funktionen einführte. Beispiele: Gastdozentinnen, Vertreterinnen, Hochschullehrerinnen oder Gastprofessorinnen. Grammatisch feminine Personenbezeichnungen in der Grundordnung gelten für Männer und Frauen gleichermaßen. Allerdings können Männer ihre Amts- bzw. Funktionsbezeichnungen in maskuliner Form führen. Ähnlich regelte es 2013 auch die Universität Potsdam, die seither alle offiziellen Funktionsbezeichnungen im generischen Femininum führt, aber eine geschlechtsspezifische Anrede der Funktionsträger pflegt.

Veraltete sprachliche Gewohnheiten ändern

Beim generischen Maskulinum werden Frauen mitgemeint, wie etwa „Liebe Leser“ oder „Liebe Schüler“. Beim generischen Femininum ist es umgekehrt. Hier werden die Männer bei Formulierungen wie beispielsweise „Liebe Leserinnen“ oder „Liebe Schülerinnen“ mitgemeint. Im Grunde wird der Spieß umgedreht, um auf diese Weise eine neue Gewohnheit zu etablieren. Deswegen verwendet die Frauenzeitschrift „Brigitte“ seit Anfang 2020 stellenweise feminine Bezeichnungen wie etwa „Leserinnenreaktion“.

Dagegen sträuben sich vor allem die Männer. Sie fühlen sich schlichtweg nicht angesprochen. Ein Paradebeispiel für männliche Ignoranz in dieser Sache ist eine Twitter-Veröffentlichung von dem CDU-Politiker Friedrich Merz im April 2021. Er macht sich über die gendergerechte Sprache lustig, indem er auf Jahrzehnte alte Provokationen zurückgreift und präsentiert Folgendes: „Grüne und Grüninnen? Frauofrau statt Mannomann? Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Mutterland? Hähnch*Innen-Filet? Spielplätze für Kinder und Kinderinnen? Wer gibt diesen #Gender-Leuten eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache zu verändern?“.

Gesellschaftliche Themen werden immer ausgesprochen kontrovers diskutiert. Die Meinungen streben zum Teil extrem auseinander. Eine Mehrheit möchte am generischen Maskulinum festhalten, obwohl eine sprachliche Unsichtbarmachung von Frauen bedeutet. Sie halten daran fest, vermutlich ohne sich darüber bewusst zu sein, dass es sich dabei um eine diskriminierende Sprache handelt. Das grammatische Geschlecht (Genus) habe nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun, so die Argumentation. Wenn es aber umgekehrt der Fall ist, fühlt sich eben diese Mehrheit nicht vom generischen Femininum angesprochen. Sprache lenkt die Wahrnehmung. Aus diesem Grund ist die sprachliche Gleichberechtigung von Männern und Frauen eine Grundbedingung, um eine Gleichbehandlung auch gesellschaftlich durchsetzen zu können. Frauen müssen sprachlich sichtbar gemacht werden.

Das generische Femininum in Gesetzestexten?

In den Medien wurde der Gesetzesentwurf des von Christine Lambrecht (SPD) weiblich geführten Bundesjustizministeriums im September 2020 heiß diskutiert. In dem Entwurf ging es um das geänderte Sanierungs- und Insolvenzrecht. Darin wurden die Personenbezeichnungen mehr als 600-mal in femininer Form gebraucht. Statt Gesellschafter hieß es Gesellschafterinnen, statt Gläubiger Gläubigerinnen und statt Schuldner Schuldnerinnen. Bei der Verwendung des generischen Femininums in der Pluralform ging es, zumindest offiziell, nicht um geschlechtergerechte Sprache. Die weiblichen Pluralformen wurden gewählt, weil die jeweiligen Referenzwörter weiblichen Geschlechts seien und eine grammatische Übereinstimmung hergestellt werden sollte. Es handele sich bei den behandelten Einrichtungen um juristische Personen, also beispielsweise eine Gesellschaft als Schuldnerin.

Das von Horst Seehofer (CSU) männlich geführte Bundesinnenministerium hat gegen den Gesetzesentwurf „aus rein formalen Gründen“ Widerspruch eingelegt. Tatsächlich wäre das generische Femininum verwendet worden, und das sei sprachlich nicht anerkannt, auch wenn ein bestimmter gesellschaftlicher Zustand gewünscht sei. Zudem bestünde die Gefahr, das Gesetz würde dann womöglich nur für Frauen gelten. Der Journalist Alan Posener fragt in seinem Kommentar: „Schuldner sind wir alle. Schuldnerinnen sind aber nur die Frauen? Weil das immer schon so war? Vieles war immer schon so, bis es dann anders wurde. Männer schafften, Frauen pflegten. Eine muss den Anfang machen“ (Alan Posener, Eine muss den Anfang machen, in: Zeit Online, 13. Oktober 2020). Das Bundesinnenministerium bestand darauf, dass die Personenbezeichnungen an das generische Maskulinum entsprechend den geltenden Regeln angepasst werden. Frauen wären dann mitgemeint bei Bezeichnungen wie Gesellschafter, Gläubiger oder Schuldner. Der Entwurf wurde anschließend umgeschrieben und im Oktober 2020 im Kabinett beschlossen.


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